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Weihnachten - Frei von Erwartungen?

„Freiheit, Freiheit, ist die einzige, die fehlt“, singt Marius Müller-Westernhagen. Einige von Ihnen erinnern sich noch an die atemberaubenden Emotionen, die aufbrausten, als die Mauer fiel. Endlich Freiheit! Von Leinefelde nach Duderstadt bildete sich ein Jahrhundert-Stau, weil alle mit ihren Trabis in die Freiheit wollten. Ein unbeschreiblicher Freudentaumel. Die neu gewonnene Freiheit machte von heute auf morgen alles anders.

In den vergangenen Tagen haben die Menschen in Syrien einen solchen und einen noch viel größeren Freudentaumel erleben dürfen. Nach jahrzehntelanger Unterdrückung – länger und brutaler als zu jeder Zeit der DDR – hat die Diktatur in Syrien endlich ein Ende. Bei aller Unsicherheit, was wohl jetzt kommen mag, feierten die Menschen tagelang auf den Straßen. Fahnen wurden geschwenkt, Freudentränen vergossen. „Wir erleben zum ersten Mal Freiheit“, formuliert ein deutsch-syrischer Journalist.

Ich bin ein Einheitskind, habe die DDR nicht mehr erlebt. Und ich bin ein Freiheitskind, habe noch nie in einer Diktatur gelebt. Und doch denke ich mir oft: „Freiheit, ist die einzige, die MIR fehlt.“ Und nein, ich meine damit ausdrücklich nicht angebliche Repressionen des Staates, die auch in Leinefelde regelmäßige Montagsdemos benennen. Worauf ich mich beziehe: sozialer Druck und gesellschaftliche Konvention, die meine Freiheit einschränken. 

In der Adventszeit wird mir das ganz besonders bewusst. Klar, es ist schön, als Kaplan zu über 50 Adventsfeiern im Dezember eingeladen zu werden. Und doch schaffe ich es ganz oft nicht, nein zu sagen. Wenn ich es irgendwo nicht hingeschafft habe, habe ich ein schlechtes Gewissen. Spätestens wenn jemand sagt: "Du warst ja gar nicht da bei...", werde ich innerlich unruhig. Was werden nur die Leute denken?

Geht es Ihnen manchmal auch so? Familie, Freundeskreis, Verein – alle erwarten etwas von uns!

  • Die Nachbarn erwarten schon, dass die Weihnachtsbeleuchtung pünktlich funkelt, am besten so hell, dass man sie aus dem All noch sieht.
  • Und dann noch diese Klassengruppe der Kinder. In jeder WhatsApp-Gruppe gibt es diese eine Person, die so schnell schreibt, dass man denkt, sie hat ihre Gedanken direkt ans Handy angeschlossen. Und dann sitzt man selbst da, tippt ‚Ich bring die Getränke‘ – und währenddessen haben sie schon den halben Menüplan durchdiskutiert.
  • Und dann kommt man nach Hause, wo die hungrigen Mäuler sich beschweren, warum denn noch kein Essen fertig ist. Das echte Wunder von Weihnachten ist nicht der Stern von Bethlehem – es ist, wenn das Essen pünktlich auf dem Tisch steht, und sich niemand über den fehlenden Rotkohl beschwert. Ganz ehrlich: da wär es doch auch mal befreiend, einfach eine Tüte Chips auf den Tisch zu werfen und zu sagen: „Bedient euch!“ Das wäre wohl Freiheit.

Aber nein, das könnte ich auch nicht. Wer nicht mal eine Adventsfeier ohne schlechtes Gewissen abzusagen vermag, der wird erst recht nicht das Weihnachtsessen verweigern. Was sollen denn die Leute denken? „Freiheit ist die einzige, die mir fehlt.“ Denn ich lebe das, was andere von mir erwarten.

 

 

Heute feiern wir Weihnachten. Die christliche Weihnachtsbotschaft ist für viele von uns schwer zu verstehen. Gott, der große und allmächtige, wird ein Baby, klein und verletzlich. Das finden Sie verrückt? Egal, ob sie diese Botschaft der Weihnachten physisch und biologisch oder eher geistig und symbolisch verstehen: mindestens genauso verrückt wie die Menschwerdung ist doch die innere Freiheit, die Gott in der Krippe zeigt. Wahre Freiheit bedeutet nicht, immer alles haben zu können. Alle Anerkennung, allen Konsum. Frei leben heißt, nicht abhängig zu sein von Privilegien, von Status, von Erwartungen anderer. Das zeigt Gott an Weihnachten.

Gott wird nicht in einem Palast geboren, wie es die Leute erwartet hätten, sondern in einem Stall. Die Entscheidung Gottes zu dieser Menschwerdung, ist eine Freiheit, die wir Menschen kaum begreifen können: sich freiwillig klein machen, auf alles verzichten, was Stärke und Status ausstrahlt. Und dafür von den Leuten schief angeschaut werden, sich später auf dem Kreuzweg sogar anspucken lassen.

Doch Halt! Wenn Sie nachher beim Weihnachtsessen von dieser Freiheitsbotschaft des Weihnachtsfestes erzählen, seien Sie vorsichtig. Einige werden widersprechen. Auch Christinnen und Christen anderer Epochen der Vergangenheit würden große Augen machen: Christentum und persönliche Freiheit, das wurde in den meisten Jahrhunderten nicht zusammengedacht. Das Kind in der Krippe als Beispiel wahrer Freiheit: das ist kein absolutes Narrativ, es ist nur eine Deutung neben vielen. Aber es ist eine, die mir persönlich in der heutigen Zeit hilft. Gott beweist wirkliche Freiheit, indem er den Stall wählt.

 

Marius Müller-Westernhagen sagt weiter: „Freiheit wurde wieder abbestellt.“ Beim Blick in unsere politische Landschaft treffen diese Zeilen auch auf heute zu. Viele Menschen wünschen sich eine starke Hand, die Deutschland wieder groß macht. Der Wert der Freiheit wird dem vielfach nur nachgeordnet. Dabei ist die Freiheit die Grundlage jeden gelungenen Menschseins. Absolute Freiheit hatte wohl nur Gott, das Kind in der Krippe. Wir Menschen werden nie ganz frei sein von Erwartungen und Druck, aber sollen wir deshalb die in der Wendezeit hart errungene Freiheit gänzlich aufzugeben, nur weil sei menschlich so selten gelingt? Nein, ein weihnachtlicher Mensch nimmt sich Gott zum Vorbild, und tritt für die Freiheit in unserem Land ein, die so gefährdet ist. Ein weihnachtlicher Mensch ist nicht nur besinnlich und familiär, nicht nur zurückgezogen und gemütlich. Ein weihnachtlicher Mensch macht sich auch stark für Freiheit unserer Gesellschaft. Besonders in den kommenden Wahlen.

Und persönlich: Ein weihnachtlicher Mensch macht sich nicht so abhängig von dem, was die Leute denken. Am Ende hilft uns von denen, die jetzt schief schauen, auch niemand. Nicht der Nachbar, der die krasseste Weihnachtsbeleuchtung erwartet. Nicht diejenigen in der Klassengruppe, die schnelle und ausführliche Whatsapp-Antworten fordern. Wahre Freiheit ist es, diese falschen Abhängigkeiten loszulassen. Es muss ja nicht gleich die Chips-Tüte an Weihnachten statt dem Festessen sein. Aber ein wenig mehr Selbstvertrauen statt Abhängigkeit täte uns allen gut. Dein Leben ist kein Wunschkonzert, bei dem jeder seine Erwartungen auf deine Playlist schreiben darf. Du bist der DJ deines Lebens.

Wie wäre es, wenn wir nicht mehr auf die Anerkennung von den Leuten warten – und uns damit letztlich versklaven – lieber auf Gottes Anerkennung schauen? Wie wäre es, mehr in die Ewigkeit zu schauen, als zum Nachbarn? Wären wir nicht dann erst wirklich frei?

Der Blick nach oben statt nach rechts und links - er kann uns echt frei von falschen Bindungen machen. Wirkliche Freiheit, indem wir Gottes Erwartungen über diejenigen der Menschen stellen.

 

Im Großen und im Kleinen gilt:

Mach es wie Gott.

Werde ein wirklich freier Mensch!

 (Predigt an Weihnachten 2024)