„Den Himmel sollst du malen.“ – Das war die Aufgabe beim
Schülertreff hier in Beuren. Ein kleiner Junge bekam sie gestellt. Und was entwirft so ein Kind, wenn es den Himmel malen soll? Einen blauen Hintergrund, davor
weiße Wolken. Und – in dem Bewusstsein, bei einem kirchlichen Schülertreff zu sein –
auch ein paar Engel. Der Himmel – so, wie er sich in der kindlichen Vorstellung
zeigt.
Aber ist das wirklich der Himmel?
Schon viele große Künstlerinnen und Künstler haben sich daran versucht, den Himmel darzustellen. In manchen Kirchen, in denen ihr als Kirchenchor immer wieder singt, begegnen euch ihre Werke: Mal sind es heilige Gärten, in denen man seltsam untätige Gestalten zusammensitzen sieht, mal eine streng gereihte Parade von Heiligen wie auf einem Kasernenhof. Aber mal ehrlich: Ist das wirklich der Himmel? Oder einfach nur... langweilig?
Schnell wird klar: Man kann den Himmel nicht malen. Egal,
wie prachtvoll ein Gemälde, wie aufwendig der Kirchenschmuck – es bleibt ein
Versuch, ein Fragment.
Vielleicht, so fragt man sich, kann eine Predigt dem Himmel näherkommen? Ich bin mir da nicht so sicher. Denn wenn ich während langer Predigten in die Gesichter blicke, sehe ich es oft: Müdigkeit und Leere. Auch die besten Worte schaffen es nicht, den Himmel erfahrbar zu machen.
Aber wann wirken Menschen wirklich ergriffen, erlöst, ja
freudig im Gottesdienst? Selten, wenn sie die alten Gemälde anschauen und erst recht nicht bei Predigten. Oft hellen die Gesichtsausdrücke dann auf, wenn die Musik erklingt. Wenn das Orchester
spielt. Wenn der Chor himmlische Klänge anstimmt.
Die Menschen der Antike glaubten, dass sich die Himmelssphären aneinander
reiben und dabei eine „sphärische Musik“ erzeugen. Musik wurde schon immer als
etwas Magisches erlebt – etwas, das Menschen verzaubern kann.
Was wäre eine Hochzeit ohne festliche Musik? Eine Beerdigung ohne Gesang? Ein
Gottesdienst ohne Orgel? Letzte Woche war ich mit Jugendlichen in der Moschee
in Erfurt. Dort ist Musik im Gottesdienst verboten – weil sie Menschen in eine
Art Rausch versetzen kann, ähnlich wie Alkohol oder Drogen.
Deshalb feiern wir heute – mit gutem Grund!
Wir feiern euch, den Kirchenchor St. Pankratius. Und wir feiern damit
auch: dass ihr ein Stück Himmel auf die Erde bringt. Ihr verzaubert uns. Ihr
helft uns zu erahnen, wie groß die Herrlichkeit Gottes sein muss.
[Chronik des Chores]
Ihr bringt den Himmel auf die Erde – wie schön!
An dieser Stelle könnte die Predigt enden. Doch eine Festpredigt darf – und
muss vielleicht – noch mehr berühren. Denn auch kritische Gedanken haben ihren
Platz. Nicht, weil es einen konkreten Anlass zur Kritik gäbe, sondern weil es
um die Ausrichtung unseres Tuns geht.
Musik ist wunderbar. Aber sie darf nie Selbstzweck sein. Es
geht nicht nur um Brauchtumspflege oder kulturelles Erbe, wenn ihr als
Kirchenchor auftretet. Manchmal höre ich Sätze wie:
„Wann ist denn wieder die nächste Aufführung in der Kirche?“
Aber eine Aufführung ist kein Konzert. Unsere Musik – besonders im Gottesdienst
– soll mehr sein: Hinweis auf den Himmel.
Unsere Musik soll nicht nur gefallen. Sie soll etwas öffnen – einen Raum, eine Ahnung, eine Sehnsucht.
Was Bilder nicht können, was Worte nur schwer vermögen – das
kann Musik.
Eure Musik.
Darum: Vergesst nie, warum ihr singt.
Ihr bringt nicht nur schöne Töne – ihr bringt den Himmel nach Beuren.
(Chorjubiläum in Beuren)