Man soll gehen, wenn’s am schönsten ist. Und alle wissen, das fühlt sich falsch an: Von einer Kirmes wegzugehen, wenn die Stimmung auf dem Höhepunkt ist; eine Beziehung zu beenden, in der man sich wohlfühlt; aus dem Urlaub aufzubrechen, wenn die Erholung endlich eingesetzt hat. Sollte man wirklich gehen, wenn es am schönsten ist? Wer von euch ist gestern Abend bei der Kirmesfeier gegangen, als es am schönsten war?
Viel häufiger geht man doch, wenn’s nicht mehr anders geht – also wenn es am schlimmsten ist. Wenn man zu müde ist, zu viel getrunken hat, wenn eben Schluss ist. Genauso tun es gerade deutschlandweit Hunderttausende, sie treten aus der Kirche aus, sie gehen nicht mehr zum Gottesdienst, weil es scheinbar nicht mehr schlimmer werden kann mit der Kirche.
Diese Kirche wollen, oder sollen wir nun heute feiern? Ich bin mir sicher, dass für viele von Ihnen und euch diese Frage eine Rolle spielt. "Warum überhaupt Kirche? Damit haben wir doch sowieso nicht mehr zu tun." Ein komischer Verein ist das ja schon. Die Kirche hängt der Gesellschaft Jahrzehnte hinterher. Da wird in der Welt da draußen schon lange diskutiert, ob es überhaupt nur zwei Geschlechter gibt – Mann und Frau. Die Kirche, die hat noch nicht mal die Gleichberechtigung von zwei Geschlechtern, sprich: der Frauen, hinbekommen. Da wird in der Welt da draußen darüber diskutiert, in welcher Weise Menschen zusammenleben können: die meisten sind heute Singles, andere würden eher sagen: „Beziehungsstatus kompliziert“, wieder andere leben mit einem Menschen des gleichen Geschlechtes zusammen. Und die Kirche, die diskutiert noch darüber, ob Pfarrer heiraten dürfen oder nicht. Heiraten – als würde das heutzutage überhaupt noch jemand wollen. Gebt es zu: die meisten von euch denken doch genau so. Warum also nicht gehen, wenn es am schlimmsten ist?
1) Warum Kirche? Viele sagen: Den Glauben, den kann ich doch auch ohne Kirche leben. Das stimmt zunächst. Aber Statistiken zeigen auch: wer meinte, seinen Glauben alleine leben zu können, der verliert ihn doch meistens. Spätestens eine Generation nach dem Kirchenaustritt ist zumeist auch der Glaube weg. Wenn Kinder den Glauben nur zu Hause vorgelebt bekommen, und niemals viele betende Menschen erleben – sie probieren es meistens nicht selbst aus. Und dann ist der Glaube weg, der eure Vorfahren über Jahrhunderte hinweg getragen hat. Dann ist der Glaube weg, der, denke ich, auch euch manchmal Kraft gibt. Viele von euch haben echt ein großes Wissen über den Glauben, auch über die Kirche, über Kirmestraditionen. All das habt ihr, weil eure Eltern euch den Glauben nahegebracht haben. Ohne Kirche hätten sie das nicht geschafft. Sich in die Kirche einzubringen, ist deshalb wichtig, weil sonst in der nächsten Generation dieser Glaube, diese Hoffnung, aber auch diese Kirmes weg sein wird. Es wird sie nicht mehr geben. Wenn ihr nicht Initiative ergreift, wenn ihr die Kirche nicht gestaltet, wie ihr das wollt, dann wird die Kirche von ... in 10 oder 20 Jahren leer stehen, der Glaube verdunsten.
2) Nun könnte man fragen: Warum Kirche, gerade heute? Ja, ich schäme mich manchmal für unsere Kirche, vor allem für ihre Verantwortungslosigkeit. Aber: Genau deswegen übernehme ich Verantwortung. Genau deswegen bleibe ich. Bleiben, wenn es am schlimmsten ist? Es ist wie das Bleiben bei einer Familie, die total verkorkst ist, in der das Klima vergiftet ist – ein Bleiben für diese Familie, gerade weil sie einen braucht. Damit das gesund bleibt, braucht so ein Bleiben Prinzipien. Zwei Prinzipien, um in der Kirche beheimatet zu sein.
I Bleibe tätig!
Wer die Kirche, so wie sie jetzt ist, nicht akzeptieren kann, der- oder diejenige müsste sich doch eigentlich umso mehr einbringen. Natürlich: es gibt absolute Grenzpunkte, an denen man auch die eigene Familie verlassen würde. Aber bis diese erreicht sind, heißt es: Bring dich ein! Sei tätig! Mir ist bewusst, dass ich als Priester schon zu der Gruppe von Menschen gehöre, die verhältnismäßig viel für Veränderungen in der Kirche tun können, während das bei vielen von Ihnen und euch schwerer sein kann. Aber: Jeder und jede Glaubende kann etwas tun. Jeder Gläubige hat einen Korridor, um zu Veränderungen beizutragen. Zu Hause am Mittagstisch, wenn über Kirche gesprochen wird. Auf der Kirmes, wenn man vor dem Essen beten könnte. Beim Studium, an der Arbeit, wo man als altmodischer Katholik abgestempelt wird. Überall werden Sie, werdet ihr als Vertreterinnen und Vertreter der katholischen Kirche wahrgenommen. Je mehr Menschen das sind, also je größer dieser Korridor der Verantwortung ist, desto mehr erwarte ich von Ihnen allen. Alles, was ihr als Ungerechtigkeit in der Kirche erkennt, fragt es an. Alles, was euch unbarmherzig erscheint, versucht zu thematisieren. Ihr und Sie alle werden als Vertreter/innen dieser Kirche wahrgenommen. Gerade aufgrund der Missstände braucht es euch/Sie alle, um ein besseres Bild abzugeben.
II
Bleib ehrlich!
Wir müssen aber auch ehrlich sagen: In dieser Kirche läuft es nicht gut. Die Botschaft von radikaler Liebe, von Barmherzigkeit und Gerechtigkeit, von Auferstehung wird an oberster Stelle nicht immer gelebt, zum Beispiel wenn es Missbrauch und dessen Aufarbeitung geht. Und das dürfen wir ehrlich benennen. Ein Engagement in der katholischen Kirche bedeutet nicht, alle Elemente dieser Kirche widerspruchsfrei mitzutragen. Sondern es bedeutet: Verantwortung auch gegen Missstände zu übernehmen. Dazu gehört eine Grundbereitschaft zum Ungehorsam. Gehorchen kann ich nur, wenn ich vertraue, vertrauen kann ich nur, wenn ich überzeugt bin. Und deshalb erscheint mir der am Gewissen reflektierte Ungehorsam eines der wichtigsten Prinzipien in der katholischen Kirche dieser Zeit. Seid katholisch, aber seid keine Marionetten.
Die Kirche ist nicht perfekt. Aber gerade deshalb solltet ihr euch, sollten Sie sich einbringen. Bleibt tätig (gerade wegen der Missstände)! Bleibt ehrlich (bezüglich aller Missstände)! Bleibt, wenn es am schlimmsten ist. Ihr seid die Kirche von ... .
(Predigt zur Kirmes 2022)