Weihnachten ist für viele das Fest der Geschenke. Besonders Kinder zählen sehnsüchtig die Tage bis zur Bescherung. Jeden Tag wird ein Türchen am Adventskalender aufgemacht – anders wäre die Spannung für die ganz Kleinen wohl kaum auszuhalten.
Manche Eltern allerdings versuchen diese Begeisterung für die Geschenke pädagogisch zu nutzen. „Nur brave Kinder bekommen Geschenke“, heißt es dann. In solchen Familien und Gruppen fragt das Christkind oder der Weihnachtsmann: „Warst du denn dieses Jahr auch ein artiges Kind?“ So wird der Tag der Geschenke für die Kinder zu einem Tag der Prüfung. Die Kleinsten erinnern sich an all die kleinen Streiche und Fehler, die sie im Laufe des Jahres begangen haben, und hoffen mit klopfendem Herzen, dass das Christkind von diesen nichts weiß.
Geschenke nur für die braven Kinder: ist das wirklich Weihnachten? Ist das christlich?
Heute feiern wir das Fest der Taufe des
Herrn. Im Mittelpunkt steht die Szene, die wir gerade im Evangelium gehört
haben: Jesus wird von Johannes im Jordan getauft. Mit vielen Menschen zusammen
zieht er hinaus an den Fluss. Jesus war ein erwachsener Mann, der sich frei für
die Taufe entscheidet. Sicher gibt es einige Unterschiede zwischen der Johannestaufe,
eine sogenannte Taufe der Umkehr, und der späteren christlichen Taufe; besonders
auffällig ist aber: Während heute in Deutschland die meisten als Babys getauft
werden, wurde Jesus als Erwachsener getauft. Er hat sich bewusst für die Taufe entschieden.
Die Taufe als bewusste Entscheidung. Das scheint
heute wieder modern zu werden. Viele Eltern entschließen sich dazu, ihre Kinder
erstmal nicht taufen zu lassen. Sie wollen ihren Söhnen und Töchtern die Möglichkeit geben,
später selbst frei zu entscheiden – vielleicht als Kommunionkind, als
Jugendliche oder als Erwachsene. Das ist zunächst ein nachvollziehbarer Gedanke. Zum einen passt das perfekt in unsere
Zeitepoche, in der individuelle Entscheidungen eine große Rolle spielen. Zu
allem anderen im Leben darf und muss man sich ja heute auch frei entscheiden:
zum Beruf, zum Ehepartner, zum Wohnort. Warum dann nicht auch zur Taufe? Eine bewusste Entscheidung zur Taufe als Erwachsener, das ist modern.
Zum anderen passt diese Entwicklung nicht nur in unsere Zeit, sondern auch zum christlichen Glauben. Auch wenn viele traurig sind, dass die Zahl der Kindertaufen zurück geht (im Jahr 2024 nur 15 Kindertaufen in Leinefelde): diese Entscheidung der Eltern muss nicht immer gegen den Glauben sprechen. Im Gegenteil: ich beobachte diese Entwicklung hin zur Taufe als bewusster Entscheidung auch bei sehr gläubigen Menschen. Wenn wir heute auf die Taufe von Jesus als Erwachsener schauen sind diese Eltern vielleicht sogar näher am Ursprung der Taufe: Jesus wurde schließlich auch erst als Erwachsener getauft.
Fassen wir zusammen: Die Erwachsenentaufe passt in unsere Zeit. Die Erwachsenentaufe passt zur Taufe Jesu.
Aber eines stört mich doch daran, wenn Kinder nicht getauft werden und sich später selbst entscheiden sollen. Denn dann erscheint der Glaube immer weniger als unverdientes Geschenk, das jedes noch so kleine Baby bekommt. Vielmehr kommt es auf das eigene Überlegen und Reflektieren an. Im Mittelalter hat man mal probiert, über rationale sogenannte 'Gottesbeweise' den Glauben zu belegen. Das hat sich als falsch erwiesen. Heute wissen wir: Durch angestrengtes Grübeln kommen nur wenige zum Glauben. Der Gottesglaube ist nicht logisch zwingend. Ob Glaube gelingt oder nicht, hängt eher davon ab, ob man in diesen hineinwächst; nicht. ob man lang genug gegrübelt hat. Wer anderes vermittelt, läuft Gefahr, Jugendliche und teils Erwachsene unter Druck zu setzen. Würde die Erwachsenentaufe zur Normalität, müssten diese sich viel stärker den Kopf zerbrechen: „Will ich denn wirklich getauft werden?“ Es erscheint ein wenig wie das pädagogisierte Bild vom Christkind: Nur die braven Kinder (in dem Fall die, die sich lange genug gedanklich um den Glauben bemüht haben und zur ‚richtigen‘ Entscheidung gekommen sind), werden mit dem Glauben beschenkt. Teilweise ergänzt durch den bescheidenen Gedanken: nur die besonders würdigen und vorbildlichen Glaubenden haben sich die Taufe ‚verdient‘. Die Durchschnittsgläubigen hingegen ringen sich als Jugendliche oder Erwachsene wohl nie zur Taufe durch – auch das sieht man ja in den Statistiken.
Wenn hingegen ein Kind getauft wird, dann kommt zum Ausdruck: den Glauben kann man nicht durch langes und angestrengtes Nachdenken ‚erzeugen‘ oder ‚sich verdienen‘. Das Kind hat noch nichts geleistet, nichts vorbereitet, nichts „richtig“ gemacht. Es hat noch keine großen Gedanken über Gott oder den Glauben angestellt. Schon vor aller menschlichen Leistung wird diesem Kind die Liebe Gottes versprochen. Ob es dieses Geschenk des Glaubens später mal auspackt, ist seine Sache; aber das Geschenk ist da.
Nicht direkt übertragbar, aber doch parallel, könnte man sagen: Dem Kind wird vor jeder Leistung eine unantastbare Würde verliehen. Dieser Gedanke hat es in Deutschland bis ins Grundgesetz geschafft. Eine Würde hat jede:r, ob er/sie will oder nicht. Verlieren wir nicht etwas, wenn die Taufe, die Liebe Gottes, die Menschenwürde häufig nicht mehr ein Geschenk für Babys, sondern erst das Ergebnis einer bewussten Entscheidung ist? Bei der Menschenwürde jedenfalls würden wir sicher alle widersprechen, würde sie einem Menschen erst nach reiflicher Überlegung und freiem Entschluss zugesprochen werden.
Zusammengefasst: Die Taufe als bewusste Entscheidung als Erwachsene: das passt in unsere Zeit und das passt zum heutigen Evangelium. Insofern sollten wir niemanden verurteilen, der sich dazu entscheidet, die eigenen Kinder erst später zur Taufe zu führen. Auf der anderen Seite ist es aber auch schön, Kinder zu taufen, denn so kommt zum Ausdruck: der Glaube, die Liebe Gottes und die Würde des Menschen sind keine denkerische Leistung, keine Belohnung des Christkindes für die braven Kinder, sondern unverdiente Geschenke ohne Gegenleistung.
Ob getauft nach bewusster Entscheidung oder getauft als Baby: in jedem Fall sollten wir Christinnen und Christen zum Ausdruck bringen, dass die Liebe Gottes jedem Menschen geschenkt ist; oder moderner gesagt: dass alle Menschen von Kindesbeinen an eine unveräußerliche Würde besitzen. Die Taufe Jesu (als Erwachsener) und unsere eigene Taufe (als Kinder) erinnern uns daran: Jeder und jede ist Gottes geliebtes Kind. Gehen wir auch entsprechend miteinander um.
(Predigt zum Fest der Taufe des Herrn 2025)