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Heilige Familie - Mehr Schein als Sein?

Weihnachten. Manch eine/r hat richtig Angst vor diesen Tagen. Denn an Weihnachten kommt bei vielen die Familie zusammen und stellt Fragen. Wenn es gut geht, sind sie lange beschäftigt mit dem Essen und mit dem Auspacken von Geschenken. Danach aber droht das Gespräch. Besonders jungen Menschen sind diese Fragen oft unangenehm: "Na, bist du endlich fertig mit dem Studium? Hast du endlich eine Freundin?"  Doch auch ältere Generationen spüren ein Unbehagen bei den Weihnachtsgesprächen. "Na, wie läuft es eigentlich bei euch mit der Arbeit?" Muss man jetzt etwa allen erzählen, dass Papa gekündigt wurde und eine neue Arbeit sucht? Oder kann man auch einfach sagen, dass er selbst gekündigt habe und sich nun selbstverwirklichen wolle? Für viele ist Weihnachten ein Fest der Darstellung. Nun muss ich meiner Familie präsentieren, wie toll bei uns alles ist. Und so wird natürlich fleißig übertrieben, wenn nicht sogar gelogen: "Bei uns läuft alles super!"

Dabei fällt eines auf: wir leben Familie heute vielfältiger und pluraler, als wir es beim Weihnachtsessen zugeben wollen. Es gibt - auch in den Eichsfelder Dörfern - Patchworkfamilien, getrennte Eltern; es gibt Mehrgenerationenfamilien und Freundschaften, die Menschen als ihre Familie empfinden. Die klassische Familien mit Vater, Mutter, Kind ist da nur ein Modell von vielen geworden. Man könnte Seiten füllen mit all dem, was Menschen als Familie verstehen und erleben. An Weihnachten biegen wir zwar oft alles so hin, dass es möglichst klassisch, möglichst harmonisch aussieht; in Wahrheit ist es aber nur bei wenigen so.

Weihnachten – ein Fest der Familiengeschichten mit mehr oder weniger hohem Wahrheitsgehalt.

 

Die Familiengeschichte der Heiligen Familie, deren Fest wir heute feiern, wurde von den Evangelisten wahrscheinlich ähnlich ausgeschmückt und beschönigt. Eine Familiengeschichte mit mehr oder weniger Wahrheitsgehalt.

Als Christinnen und Christen anfingen, Jesus Christus zu verkünden, waren ihnen seine Familienverhältnisse zunächst nicht so wichtig. Das älteste Evangelium, das Markus-Evangelium, berichtet am Anfang nur von der Taufe Jesu im Jordan. Da war Jesus schon längst erwachsen. Familiengeschichten gibt es bei Markus nicht, weil sie in der jungen Kirche kaum interessierten.

Es waren erst später die Evangelisten Matthäus und Lukas, die sich für die Kindheit Jesu in seiner Familie interessierten. Matthäus erzählt die Geschichte, wie Maria, Josef und Jesus nach Ägypten fliehen mussten. Damit wollte Matthäus unter anderem eine Verbindung zum Alten Testament herstellen, indem die Israeliten aus Ägypten geflohen waren. Das Lukasevangelium hingegen betont eher die innerfamiliären Zusammenhänge. Maria und Josef zusammen auf Herbergssuche. Diese Vorgeschichte kennen wir alle aus den Krippenspielen.

Diese Familiengeschichte ist von den Evangelisten schon idealisiert worden, und doch enthält sie viel Peinliches. Ob man gerne in der Familie erzählt, wenn eine Geburt unter erbärmlichen Umständen stattgefunden hat? Spricht man gerne davon, dass in der Herberge kein Platz für sie war? Oder eignet sich das zum Ruhm der Familie zu erzählen, dass dreckige Hirten vom Feld die ersten und vielleicht einzigen waren, die die große Geburt zur Kenntnis genommen haben? Ich würde das beim Weihnachtsessen jedenfalls nicht erzählen.

Besonders wenig idealisiert ist auch die Geschichte, die wir heute präsentiert bekommen. Jesus war 12 Jahre später. Maria erzählt von der Wallfahrt, zu der sie gemeinsam mit dem halben Dorf und der ganzen Familie in Jerusalem waren. Jesus war einer von vielen. War jemand von Ihnen schonmal mit einem 12-Jährigen auf einer Wallfahrt? Dann wissen Sie: Jugendliche haben meist keine Lust auf ein frommes Wallfahrtsprogramm. Bei Jesus schien es ähnlich gewesen zu sein. Er ist ausgerissen und war drei Tage lang verschollen. Klar, am Ende wird die Geschichte noch ein bisschen aufgehübscht, so wie wir es beim Weihnachtsessen auch machen würden: Jesus sei ja nur bei den Gelehrten im Tempel gewesen. Mit dieser Variante kann man das Kind wieder vorzeigen bei der Verwandtschaft. Aber es bleibt doch deutlich: Maria und Josef hatten so ihren Stress mit dem pubertierenden Jesus.

Wenn diese Geschichte schon die idealisierte Variante ist, die man Heiligabend beim Weihnachtsessen erzählen könnte, wie krass war dann erst die Realität? Wenn das schon die verschönerte Geschichte ist, wie pubertierend muss Jesus erst real gewesen sein? Trotz aller Weichzeichnungen scheint durch: Jesus wuchs in einer wirklich menschlichen Familie auf, der Herausforderungen und Konflikte nicht fremd war.


Wir versuchen uns beim Weihnachtsessen möglichst gut zu präsentieren. Wir denken, heilig wäre man dann, wenn alles perfekt liefe. Die "Heilige Familie" hingegen war nicht perfekt, sie war real! Hätte Jesus heute gelebt, wäre es vielleicht sogar eine Familie als Patchwork oder anderen Konstellationen gewesen, die so gar nicht unseren Normvorstellungen entspricht. Gott nennt diese ganz und gar menschliche Familie aus Maria, Josef und Jesus schließlich "heilig". Schönreden und präsentieren war gestern! Heilig wärst du, wenn du zur Realität stündest - denn Gott kennt sie sowieso. 

 (Predigt am Fest der Heiligen Familie 2024)