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Feindesliebe - ein alter Hut?

 
 
Stellen Sie sich vor, Sie sind zu einer Geburtstagsfeier eingeladen. Vielleicht ist es das Fest eines Onkels, einer Freundin oder sogar der Schwiegermutter. Bevor man sich auf den Weg zur Feier macht, stellt sich die große Frage: Was soll ich schenken? Einerseits will man nicht übertreiben – ein zu teures Geschenk könnte überheblich wirken. Zu klein darf es aber auch nicht sein, sonst ist es peinlich. Also beginnt das Rechnen: Was habe ich selbst von dieser Person einmal geschenkt bekommen? War es nur eine kleine Aufmerksamkeit oder ein großzügiges Geschenk? Hat sich die Person wirklich Mühe gegeben oder eher lieblos etwas eingepackt? 
Besonders krass kann diese Geschenk-Ökonomie bei der Erstkommunion werden: viele Eltern führen ein Heftchen darüber, wie viel Geld das Erstkommunionkind von jemandem bekommen hat, um später einmal genauso viel zurückzuschenken. Geben und Nehmen – nach einem fair austarierten Maß.

In der internationalen Politik geht es meistens genauso berechnend zu. Aktuell wird das besonders deutlich angesichts der Gespräche Donald Trumps mit Wladimir Putin. Die beiden verhandeln über ein Tauschgeschäft: "Du bekommst ein Stück der Ukraine, und ich bekomme dafür Rohstoffe.“ Das ist absurd, weil die Ukraine Trump gar nicht gehört. Aber in seiner Logik ist es ein Geschäft wie jedes andere: Jeder bekommt ein faires Geschenk. So funktioniert weltliche Macht: Berechnungen, Deals und Abwägungen. Auch hier: Geben und Nehmen – nach einem fair austarierten Maß.

 

Das klingt ja fast so, als könne man im Leben alles berechnen. Man stellt einfach alle Größen in einer mathematischen Formel zusammen und bekommt als Ergebnis ein faires Geschenk, einen fairen Tauschhandel. Jetzt passen Sie auf, ehemals Mathematik-Leistungskurs. Zunächst mal die einfache Variante, Mathe-Grundkurs: Geschenke von anderen minus Geschenke von mir müssen größer sein als Null. Sonst würde ich ja Miese machen. Soweit verstanden?

Oder noch genauer, jetzt Mathematik-Leistungskurs. Wer raus ist, kann den Kopf runter machen. Wer noch dabei ist, kräftig nicken.

X, die zu erwartenden Geschenke, ergibt sich aus der Summe der Geschenke, die ich Menschen mache, die mir nichts schenken, und der Geschenke, die ich denen gebe, die mir ebenfalls etwas schenken. Davon muss allerdings die Zuwendung subtrahiert werden, die ich von den Menschen erhalte, denen auch ich etwas schenke. Zusätzlich muss von X noch der unbekannte Wert Y abgezogen werden – also die Geschenke, die ich von Personen bekomme, denen ich selbst nichts geschenkt habe.

Alle Köpfe noch oben? Wunderbar!

 

Sie halten das für völligen Blödsinn? Richtig so! Es ist völliger Blödsinn. Mathematik hat bei Geschenken nichts zu suchen. Es wäre absolut hirnrissig, Liebe berechnen zu wollen.

Im Grunde weist Jesus im heutigen Evangelium genau darauf hin: Mathematik ist bei Geschenken, ist letztlich an vielen zwischenmenschlichen Stellen, völlig fehl am Platz. Berechnungen und Deals schaden dem Gemeinwohl. Jesus antwortet auf diese Arithmetik des Lebens mit einem Gegenprogramm:  „Liebt eure Feinde, tut denen Gutes, die euch hassen. (…) Wenn ihr denen Gutes tut, die euch Gutes tun, welchen Dank erwartet ihr dafür?“ Mathematisch sind diese Forderungen Jesu nicht darstellbar, sogar unlogisch. Zwischenmenschlich eröffnen sie ein ganz neues Miteinander.

Natürlich kann man das jetzt für unrealistisch halten. „Dem, der dich auf die eine Wange schlägt, halt auch die andere hin und dem, der dir den Mantel wegnimmt, lass auch das Hemd!“ Einige werden sich fragen: Sollen am Ende denn alle guten Menschen ohne Hemd und mit blutiger Wange dastehen? Ohne die Worte Jesu zu relativieren: Natürlich musste Jesus ein wenig provozieren, um gehört zu werden. Er musste sehr deutlich sprechen, um nicht für belanglos gehalten zu werden. Schließlich hat fast jede Religion eine solche "Goldene Regel" im Programm - da musste Jesus schon eins draufsetzen. Dass Feindesliebe nicht in Ausnutzung münden darf, ist klar. Besonders Kindern muss gesagt werden: ist jemand schlecht zu dir, darfst und musst du widersprechen. Aber: Die Gesellschaft damals und heute stand und steht eher weniger in der Gefahr, dass Menschen zu wenig an sich selbst denken würden. In dieser Situation scheint es doch angebracht, mit klaren Worten neben der Selbstliebe auch die Feindesliebe zu fordern. So kann der berechnende Tauschhandel aufgebrochen werden.

Es gibt ja den bekannten Witz: Wenn dein Chef dir 100 Euro mehr im Monat gibt, bist du glücklich. Wenn du dann aber erfährst, dass dein Kollege 500 Euro mehr im Monat bekommt, bist du unglücklicher als vorher. Kurz: wer sich immer mit anderen vergleicht, wer nur berechnend durch die Welt geht, ist am Ende der unglücklichere Mensch.

Jesus verspricht einen großen Lohn im Himmel, wenn man nicht nur berechnend durchs Leben geht. Und wir könnten ergänzen: Auch im Hier und Jetzt lebt es sich glücklicher, wenn man sich nicht nur mit andere vergleicht.

 

Wie können Sie also ein glücklicherer Mensch werden und zusätzlich noch einen großen Lohn im Himmel erwarten? Indem sie anderen geben, ohne zu vergleichen, was Sie von denen bekommen haben. Kurz: Indem Sie sich nicht mit anderen vergleichen.

Konkret für die kommende Woche:

1.   Suchen Sie sich eine Person aus, für die Sie kommende Woche beten können. Eine Person, die Ihnen garantiert nichts Gutes wünscht, die Ihnen die Krätze an den Hals wünscht. Wer könnte diese Person sein? kurze Stille Ich hoffe, jedem ist jetzt eine Person eingefallen. Für diese Person wird nächste Woche morgens 2min gebetet. Es wird ihr nur das Beste gewünscht, obwohl man nichts zurückerhält. In Ordnung?

2.   Suchen Sie sich eine Tätigkeit, bei der Sie nicht überlegen, ob der andere sie verdient hat. Irgendwas an der Arbeit, wovor sich alle drücken. Eine Sache zu Hause, bei der man normalerweise denken würde: Nee, das können doch mal die anderen machen. Was könnte diese eine Sache sein? kurze Stille Diese Sache wird in der nächsten Woche ohne Gegenleistung und ohne Berechnung gemacht, okay?

 

Geben und Nehmen nach einem fein austarierten Maß?

Dass das nicht weiterführt, ist fast jedem Menschen klar. Auch fast alle Religionen lehren den Blick auf de Mitmenschen. Besonders wären wir als Christinnen und Christen erst, würden wir diese Goldene Regel nicht nur lehren, sondern tatsächlich nach dieser leben. Geben und Nehmen ohne fein austariertes Maß - wie schön wäre diese Welt.