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Predigt zur Verabschiedung in Leinefelde


„Geht und verkündet: Das Himmelreich ist nahe!“ Dieser Auftrag prägt das heutige Evangelium und mit diesem Auftrag bin ich vor fünf Jahren zu euch nach Leinefelde gekommen. Ich möchte in dieser Predigt einen reflektierenden Rückblick auf die gemeinsame Zeit wagen, wie es sich für einen Abschied gehört, und euch zugleich Impulse für die Zukunft mitgeben, wie es einem Pfarreifest gebührt.

Ich nehme diese Tasche voller Erfahrungen, Begegnungen und Erinnerungen mit. Drei Bereiche möchte ich besonders beleuchten und euch für die Zukunft ans Herz legen.

 

1. Die Jugend

Der erste Bereich ist der der Jugend, mit dem ich wohl am meisten identifiziert werde. Als Symbol dafür steht dieser Jesus-Wackelkopf, der von einer Ministrantenwallfahrt aus Rom stammt und für manche Leichtigkeit im Glauben bei jungen Menschen steht. Wo ist uns in diesem Bereich das Himmelreich nahegekommen?

Positiv: Wenn außenstehende Menschen auf das kirchliche Leben unserer Jugendlichen schauen – über die Medien kann man es ja gut verfolgen – höre ich immer wieder sinngemäß: „Wahnsinn, was eure jungen Leute auf die Beine stellen!“ Diese Begeisterung teile ich. Wo gibt es schon Jugendliche, die freiwillig nachts um 4 Uhr aufstehen, um eine aufwendig vorbereitete Osternacht zu feiern und zu gestalten? Wo findet man junge Menschen, die ohne Zwang eine Jugendchristnacht oder regelmäßige Sonntagabendmessen vorbereiten? Ich erinnere mich an den Weltjugendtag in Lissabon und Ministrantenwallfahrten nach Rom. Und ich wage zu behaupte: unsere katholische Jugend ist, positiv gemeint, frömmer geworden, weil Sie als Eltern und Großeltern ihnen etwas mitgegeben haben. Als ich vor 5 Jahren in die Jugendgruppe unserer Pfarrei kam, war einer der beiden Jugendtreff-Leiter stolzer Atheist und ein Teil der Gruppe versammelte sich bekennend hinter ihm. Heute erleb ich wirklich in der Pfarrei engagierte Jugendliche, die Ministrantengruppen leiten oder Orgel spielen. Da hat sich was getan! Eine gläubige und engagierte Jugend!

Negativ: Aber zur Ehrlichkeit gehört auch die Kehrseite: Als Jugendseelsorger ist es mir nicht ausreichend gelungen, geschlossene Gruppen aufzubrechen. Manche Cliquen und Kreise wirken nach außen hin wie eine Festung. Sie schrecken ab, statt neue Leute einzuladen. Aus Angst, am Ende mit leeren Händen dazustehen und diejenigen, die schon da sind, zu verlieren, habe ich manchmal Machtspielchen unter den „alten Hasen“ nicht beendet und Sinnlos-Diskussionen nicht verhindert. Ich hätte strenger und konsequenter sein müssen, wenn ich beobachtet habe, wie das jugendliche Verhalten andere abschreckte. Immer wieder habe ich so tolle und im Glauben verankerte Jugendliche kennengelernt, sie aber nicht in die bestehende Jugendgruppe integriert bekommen.

Impuls: Als Symbol dafür steht mir dieser Schlüssel. Er soll euch als Jugend, aber auch euch als Pfarreimitglieder in jeder Altersgruppe den Impuls mitgeben: Wo könnt ihr alteingesessene Gruppen aufschließen, damit neue Menschen eine Chance haben, dazuzustoßen?

 

2. Die Gemeinde

Als zweites packe ich aus meiner Tasche die Gemeinde aus, für die mir symbolisch dieser Pfarrbrief steht.

Positiv: Ihr seid eine unglaublich tolle Pfarrei! So vieles ist hier selbstverständlich, wovon andere Gemeinden nur träumen. Ihr pflegt das Alte  – die Prozessionen, die Musik, die ohne großes Aufsehen durchgetragenen Andachten unter der Woche. Und gleichzeitig habt ihr Mut für das Neue: neue Chöre sind entstanden, Alpha-Kurs haben sich entwickelt, Wortgottesfeiern als Familien- oder Lichtergottesdienste ziehen viele kirchenferne Menschen an.

All das läuft ehrenamtlich nebenbei. Zugleich möchte ich hier im Rückblick auf meine 5 Jahre in Leinefelde auch meine Kolleginnen und Kollegen nicht unerwähnt lassen. 4 Jahre habe ich mit Pfarrer Arndt zusammengearbeitet. Manchmal habe ich den Eindruck, dass in der Gemeinde nicht ausreichend gesehen wird, was er in dieser Zeit geleistet hat. Vieles, was ich als Kaplan im Vordergrund auf die Beine stellen konnte, war nur möglich, weil er mir im Hintergrund den Rücken freigehalten hat. Wenn der junge Kaplan mal wieder verrückte Ideen hatte, hat er nicht abgewunken. Welcher Pfarrer hätte denn seinem gerade erst geweihten Kaplan den ZDF-Gottesdienst überlassen und sich mit einem 30-Sekunden-Kommunion-Einspieler begnügt? Ähnliches erlebte ich jetzt im letzten Jahr mit Pfarrer Burmeister. Welcher Pfarrer würde in der Karwoche alle Beerdigungen und Schreibtisch-Arbeit übernehmen, damit der Kaplan die Jugendosternacht vorbereiten kann? Ohne diese Unterstützung – ehrenamtlich wie hauptamtlich – wäre vieles in den vergangenen Jahren, das oft mit mir in Verbindung gebracht wird, nicht möglich gewesen. 

Negativ: Doch auch hier schaue ich kritisch zurück. Ich bin ein Mensch, der ungern Leute beißt. Ich mag es harmonisch. Wenn alle zufrieden sind, bin ich auch zufrieden. Ich wollte es jedem recht machen. Durch dieses Harmonie-Streben bin ich euch als Gemeinde manche Klarheit schuldig geblieben. Ich bin vor manch Kantigem und Schwerem zurückgeschreckt, wofür dieser Stein symbolisch stehen soll.

Ich denke an Messdiener-Aufgaben in einigen Kirchorten, die den Kindern einfach nicht guttun, die ich aber aus Angst vor Widerstand nicht verändert habe. Und das, obwohl mir jemand gleich zu Beginn meiner Tätigkeit hier sagte: Lukas, diese Dinge musst du sofort und rigoros ändern, auch wenn die Leute auf den Dörfern sich beschweren werden. Ich hab es bis heute nicht getan. Ich denke an Hochzeiten, bei denen ich immer wieder zugelassen habe, dass der Vater die Braut zum Bräutigam bringt, obwohl das – der Mann übergibt die Frau dem nächsten Mann – doch so gar nicht unserem Menschen- und Frauenbild entspricht.  Und bei den Prozessionsordnungen wurde mir erst bewusst, was ich hier eigentlich mittrage, als im MDR-Bericht über Fronleichnam berichtet wurde, dass die Männer vorne laufen und die Frauen hinten. Bei all diesen und vielen Dingen mehr habe ich es um des lieben Friedens willen einfach so gelassen, wie es üblich war. Ich wollte Harmonie. Aber was dadurch fehlte, war manchmal die nötige Klarheit. Hier habe ich euch das Himmelreich nicht nahegebracht.

Impuls: Der zweite Impuls zum Pfarreifest ist daher: Wo könnt ihr in den Kirchorten mutig neu denken und Dinge verändern, die als gut erkannt sind – selbst wenn man sich damit im ersten Moment keine Freunde macht? Seid mutiger als ich!

 

3. Das Persönliche

Das Letzte, was ich hier aus der Tasche hole, ist alles Persönliche. Symbolisch steht mir dafür dieses Namensschildchen – ich habe all diese Platzkarten von Taufkaffee und Hochzeitsfeier gesammelt. Seelsorge ist immer persönlich.

Positiv: Ich blicke zurück auf unzählige Familienfeiern: Taufen, Eheschließungen und die schweren Stunden bei Beerdigungen. Ich denke an Gespräche vor der Kirche oder in der Bäckerschlange. Ich erinnere mich an spontane Einladungen zum Mittagessen. Ich habe mich in diesen fünf Jahren von euch persönlich angenommen gefühlt. Ohne diese menschliche Nähe hätte ich diese fünf Jahre nicht durchgehalten. Hier war für mich das heute im Evangelium benannte nahende Himmelreich spürbar.

Negativ: Aber genau hier liegt die größte Gefahr. Ich frage mich: Wie viel Persönliches darf in der Seelsorge sein – wann tritt der Verweis auf das Himmelreich zu weit in den Hintergrund? Dafür steht mir dieses Kreuz als Symbol.

Schon vor etwa einem Jahr sagte ein 12-/13-Jähriger zu mir: „Mama hat gesagt, dass ich nicht Oberministrant werde, weil du ja nächstes Jahr sowieso gehst.“ Und in den letzten Wochen sagte eine Ministrantin: Ich höre zu dienen auf, weil du gehst“. Es sind diese Momente, in denen ich mich frage, was ich falsch gemacht habe. Auch im Silberhochzeits-Buffet fiel immer wieder der Satz: „Wenn Sie immer hier wären, käme ich jeden Sonntag zur Messe“. Ich verrate ihnen was: diese Leute kommen niemals. Die wollen nur dem Kaplan schmeicheln! Sollen die Kinder etwa meinetwegen ministrieren? Sollen die Leute meinetwegen in die Kirche kommen?

Einen großen Anteil an dieser Thematik hat Instagram, wo ich über mein Leben als Kaplan berichte. Ja, ich würde es wieder anfangen. Instagram hat uns privat gesponsorte Busse zur Jugendfahrt eingebracht und, wie viele sagen, die Kirche nahbar gemacht. Aber: Manchmal frage ich mich, ob mit diesem persönlichen Social-Media-Account eine Bindung an mich als Person erzielt wurde, die die Bindung an Christus verdunkelte. Es ist leicht, kpl.lukas auf Social Media zu folgen. Es ist schwer, Christus nachzufolgen.

Impuls: Ja, Seelsorge ist persönlich. Aber wie schafft ihr, speziell als Eichsfelder, es, einen Gottesbezug zu leben, der nicht von Personen abhängt?

 

Abschluss

Liebe Gemeinde, ich nehme diese Tasche jetzt mit. Sie ist gefüllt mit wunderbaren Erfahrungen in der Jugendarbeit (Jesus-Wackelkopf), in der Gemeinde (Pfarrbrief) und geprägt von vielen persönlichen Begegnungen (Namensschild); zugleich aber auch mit Herausforderungen, denen ich nicht gerechtgeworden bin.

 

Aber die entscheidende Frage an diesem Pfarreifest ist: Was nehmt ihr mit?

Bitte tut mir einen Gefallen und sagt jetzt nicht wehmütig: „Ach, was war das damals für eine tolle Zeit mit dem Kaplan“ Wenn das alles ist, was bleibt, dann habe ich in den fünf Jahren meinen Auftrag verfehlt. Dann habe ich etwas falsch gemacht.

Hört lieber auf den Auftrag aus dem Evangelium: „Geht und verkündet: das Himmelreich ist nahe!“ Diese drei Symbole können das konkret machen: Brecht geschlossene Gruppen auf (Schlüssel), denkt das vermeintlich Selbstverständliche mutig neu, ohne Angst vor Protest (Stein), und findet den Weg zu einem Glauben, der nicht von Personen abhängig ist (Kreuz).

Geht und verkündet: das Himmelreich ist nahe!