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Heilige Drei Könige - Modern wiedergelesen?

Manchmal suche ich mein Handy, während ich es am Ohr habe und damit telefoniere. Einige Leute sollen sogar ihre Brille suchen, bis ihnen auffällt, dass sie diese gerade auf der Nase tragen. Zum Glück gibt es zumindest für den Schlüssel jetzt GPS-Tracker, die man überall orten kann. So werde ich hoffentlich nie wieder meinen Schlüssel suchen!

Schwieriger wird es bei den großen Suchbewegungen des Lebens. Viele Abiturientinnen und Abiturienten suchen in diesen Tagen angestrengt nach einem passenden Studium für sich. Andere suchen nach dem/der passenden Partner/in fürs Leben. Leider hat der oder die keinen GPS-Tracker am Ohr und lässt sich nicht so einfach finden. Der richtige Weg durchs Leben tarnt sich manchmal sehr sehr gut.

 

 

Die Heiligen Drei Könige haben auch ganz schön lange gesucht. Sie hatten keinen GPS-Tracker, sodass Google Maps sie zur Krippe geführt hätte. In der Überlieferung sind sie einem Stern gefolgt. Der Stern, eine übernatürliche Ahnung, die die Weisen zum Ziel führte. In der Bibel sind es weder Drei noch Könige, sondern es sind bloß Weise aus dem Morgenland, ohne Zahl. Die Namen Caspar, Melchior, und Balthasar tauchen nicht in der Bibel auf, sondern begegnen erst später, im frühen Mittelalter. Man wollte mit den Drei Königen sagen, dass alle Altersgruppen und alle geografischen Räume sich auf die Suche begeben. Die Message dahinter: Die ganze Welt sucht das Jesuskind.

 

Diese frühmittelalterliche Dreikönigs-Botschaft hat in der Geschichte sehr problematische Konsequenzen hervorgebracht. Mit dem Argument, alle Menschen würden unbewusst sowieso (den christlichen) Gott suchen, wurden ganze Kontinente gewaltsam christianisiert. Die Kolonialherren meinten: die Menschen in Afrika und Asien, die traditionellen Kontinente von Caspar und Melchior, sehnen sich nach dem christlichen Glauben, nach dem Jesuskind. Und sie können froh sein, dass wir ihnen diesen christlichen Gott nun endlich bringen. So niedlich die Sternsingerinnen und Sternsinger auch aussehen mögen; die Botschaft hinter den mittelalterlichen Dreikönigstraditionen ist äußerst problematisch. 

 

 


Wie wäre es angesichts dieser Problematiken, wenn wir uns wieder auf die ursprüngliche biblische Botschaft des heutigen Festes konzentrieren? Schließlich müssen biblische Texte für jede Zeit neu ausgelegt werden; und die frühmittelalterliche Interpretation als Caspar, Melchior und Balthasar passt wohl kaum noch in unsere Zeit.

Im heutigen Evangelium findet sich eine Gegenüberstellung, von der wir etwas lernen können: Auf der einen Seite steht König Herodes. Er hat Angst vor dem Kind. Mit ihm zusammen erschreckt sich „ganz Jerusalem“. Diejenigen, die fast im Sattel sitzen, die sich ihrer Religion und ihres Lebenssinns allzu sicher sind, werden von dem Kind in der Krippe in Unruhe versetzt. Sie, die sonst die Geschichte gestalten und Macht ausüben, fürchten sich angesichts der unübersichtlichen Lage. Und auf der anderen Seite sind die sogenannten Sterndeuter, die Wissenschaftler aus der Ferne, die mit ihren philosophischen und astronomischen Spekulationen in Jerusalem eigentlich wenig geschätzt waren. Diejenigen, die alles hinterfragen und durchleuchten, sind voller Neugier angesichts dieses Kindes. Anders als Herodes fürchten sie sich nicht vor etwas Neuem, sondern sind begeistert vom neu entdeckten Stern. Ihre Begeisterung geht sogar so weit, dass sie aus ihrer Studierstube aufbrechen und sich, dem Stern folgend, auf eine lange Reise begeben.

In dieser Deutungsweise passen die Weisen aus dem Morgenland in die heutige Zeit. Heute hat nur wenig dauerhaften Bestand. Viele haben den Eindruck, dass sich das Leben immer schneller verändert. Uralte Traditionen und starre Ordnungen werden immer intensiver hinterfragt und immer schneller verändert. Vermeintlich ewige Strukturen für unser Zusammenleben gibt es kaum noch, auch wenn Herodes sich solche gewünscht hat.  Das Leben ist mindestens so ungewiss geworden, wie die Reise der Weisen, die dem Stern folgten. Veränderungsbereitschaft, Offenheit für Neues und eine große Ungewissheit – das verbindet die Weisen aus dem Morgenland mit unserer modernen Zeit.

 



Doch eines fehlt vielen Menschen heute im Vergleich zu den Weisen. Die Sterndeuter sind nicht nur offen für weltliche Veränderungen und Entwicklungen. Sie lassen sich nicht einfach nur treiben und schauen eben, was so kommt. Sie sind überzeugt: es gibt mehr zwischen Himmel und Erde. Es gibt ein klares Ziel für unser Leben, das von Gott kommt. Sie verstehen den Stern als Auftrag Gottes an sie persönlich. Keine ungewisses Mitschwimmen, sondern ein Plan für ihr Leben zeichnet die Sterndeuter aus.

Auch heute hat jeder und jede von uns einen solchen persönlichen Auftrag Gottes. Oft verschließen wir unsere Augen vor dieser persönlichen Berufung. Es lebt sich bequemer, wenn man sich nicht in so großer Verantwortung sieht. „Was, ich soll mich ehrenamtlich einbringen? Ich soll Geld spenden?“ Dieser Ruf Gottes lässt sich gern überhören. Mitschwimmen und sich überraschen lassen, was so wird, ist einfacher. Wer sich jedoch bewusst als Bote Gottes in der Welt versteht; wer sich bewusst macht, dass er/sie eine Aufgabe in der Welt hat, die nur er/sie erfüllen kann, der lebt psychisch gesünder. Eine Langzeitstudie der Universität Michigan in den USA mit rund 7.000 Teilnehmenden hat kurz vor Weihnachten ergeben, dass Personen mit einem starken Lebenssinn seelisch ausgeglichener und körperlich gesünder waren.Würden wir uns stärker an der Lebenseinstellung der Sterndeuter orientieren, würden wir also nicht nur die Welt zum Guten verändern, sondern auch persönlich mit mehr Sinn durchs Leben gehen.

 

Die Sterndeuter passen (anders als die Drei Könige) in unsere Zeit. Aber in einem sind sie uns überlegen: sie begreifen ihr Leben als eine Reise, deren Sinn und Ziel von Gott kommt, statt sich einfach nur treiben zu lassen.  

Suchen wir nicht nur das Handy und die Brille. Suchen wir auch Gottes Auftrag für uns in dieser Welt. Leben wir mit Sinn und Ziel.

Suche deinen Stern, folge deinem Stern, und werde so zu einem Stern für andere.

(Predigt zum Dreikönigstag 2025)