„Reiß dich zusammen!“ „Blamier uns bloß nicht…“
Hören Sie das? Diese Stimme… sie meldet sich immer wieder. Leise vielleicht – aber ziemlich hartxpnäckig. Sie hören sie noch nicht? Dann warten Sie mal bis nach dem Gottesdienst. Beim gemütlichen Osteressen. Wenn alle am Tisch sitzen, wenn erzählt wird, wenn man sich gegenseitig anschaut… Dann wird sie sich melden. Ganz unauffällig, von innen heraus: „Mach bloß einen guten Eindruck!“ „Sag jetzt nichts Falsches.“
Und wenn wir ehrlich sind: Ein Großteil unserer Energie geht genau dafür drauf. Brüche verstecken. Uns besser darstellen, als wir sind. Schnell noch lächeln, obwohl es innen anders aussieht. Cool wirken, souverän, unerschütterlich. Wir filtern unser Leben: nach außen geschniegelt und ordentlich – und innen manchmal ziemlich zerkratzt.
Die Sozialwissenschaft nennt das „Impression Management“. Die uralten Schriften der Bibel nennen es: sich verstecken, wie wir gerad in der Genesis von Adam und Eva gehört haben. Und der typische Eichsfelder würde sagen: „Das geht keinen was an.“
Glänzendes Ostern?
Heute feiern wir Ostern. Das gerade gehörte Evangelium klingt zunächst nach dem ultimativen „Impression Management“ Gottes. Da wird nicht gespart mit Spezialeffekten:
– Ein gewaltiges Erdbeben erschüttert die Szene.
– Ein Engel steigt vom Himmel herab, seine Gestalt leuchtet wie ein Blitz, sein Gewand weiß wie Schnee.
– Die römischen Wachsoldaten – die Profis für Souveränität – zittern vor Angst und fallen um wie tot.
Das ist die ganz große Bühne. Das ist göttliches Marketing in Perfektion. Hier wird klargestellt: Der Tod ist besiegt. Das Leben strahlt. Alles neu, alles glänzt. Das ist die Auferstehung nach Matthäus: eine gewaltige Machtdemonstration Gottes.
Aber – und das ist das Entscheidende: Wenn der auferstandene Jesus den Menschen dann wirklich begegnet, passt er überhaupt nicht in dieses Hochglanz-Konzept. Er begegnet ihnen nicht als unnahbares Lichtwesen, bei dem alle Spuren der Vergangenheit wegretuschiert wurden. In den Berichten der Auferstehung steht immer wieder: Sie erkennen ihn an seinen Wunden. Er sagt nicht: „Schaut mal, wie toll meine Haut jetzt strahlt, kein Kratzer mehr zu sehen!“ Er sagt: „Schaut meine Hände an. Schaut meine Seite an.“ Er zeigt die Löcher in seiner Hand!
Stellen wir uns das einmal vor: Der Schöpfer des Universums, der Sieger über das Grab, identifiziert sich durch seine Verletzungen. Nicht eine Krone, sondern die Wundmale sind sein Ausweis.
Die Osterbotschaft für uns
Ostern dreht also die Normalität um. Es erinnert daran: Echte Verbindung entsteht nie durch das, was wir perfekt hinkriegen. Denken Sie mal an Ihre tiefsten Freundschaften. Haben Sie sich in diese Menschen verliebt, weil sie immer die tollsten Urlaubsfotos posten oder im Job nie einen Fehler machen? Wahrscheinlich nicht. Wir fühlen uns Menschen dann am nächsten, wenn sie uns ihre Risse zeigen. Wenn sie sagen: „Ich weiß gerade auch nicht weiter“ oder „Das hat mich damals echt zerrissen“.
Jesus macht genau das vor. Er zeigt uns: Wunden sind Schnittstellen. Ein vollkommen glatter Mensch bietet keine Angriffsfläche, aber er bietet auch keinen Halt. An einer glatten Marmorwand kann man nicht hochklettern. Man braucht die Risse, die Vorsprünge, die Kanten.
Es gibt in Japan eine jahrhundertealte Tradition namens Kintsugi. Wenn dort eine wertvolle Schale zerbricht, wirft man sie nicht weg. Man klebt sie wieder zusammen – aber nicht mit farblosem Kleber, den man nicht sieht. Man mischt Goldstaub in den Lack. Die Risse werden nicht versteckt, sie werden golden nachgezeichnet. Die Schale ist danach wertvoller als vorher, weil ihre Geschichte sichtbar ist.
Das ist der Unterschied zwischen Optimismus und Hoffnung. Optimismus sagt: „Es wird schon irgendwie gut ausgehen“ – am liebsten ohne Risse. Hoffnung dagegen glaubt: Auch durch die Risse hindurch kann neues Leben entstehen.
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Fazit: Die Lizenz zum Echtsein
Wenn Sie nachher nach Hause gehen, wenn das große Osteressen ansteht oder einfach der Alltag startet, dann wird sie sich vielleicht wieder melden, diese flüsternde Stimme: „Reiß dich zusammen! Mach einen guten Eindruck!“ Lächeln Sie dieser Stimme dann einfach zu. Und erinnern Sie sich an die Hände Jesu. Gott hat sich an Ostern nicht „zusammengerissen“. Er ist am Karfreitag zerbrochen worden, damit er uns an Ostern als der Heiland begegnen kann, der unsere Brüche kennt.
Wagen Sie beim Osteressen ein Stückchen mehr Wahrheit. Wer Wunden nur überschminkt, bei dem entzünden sie sich darunter. Wenn jemand fragt: „Wie geht’s?“, dann sagen Sie vielleicht mal nicht das glatte „Muss ja“, wenn es eigentlich gerade „zerkratzt“ aussieht. Trauen Sie sich, ein Stück Ihrer Geschichte zu zeigen – so wie Jesus es getan hat. Denn perfekte Menschen liebt niemand!
Werde berührbar wie der Auferstandene.
Geh als „Kintsugi-Menschen“ in diesen Tag: Zerkratzt, aber gerade deshalb unendlich geliebt.
Ostern heißt: Das Leben hat das letzte Wort – und dieses Leben trägt Narben aus Gold.
Wage doch ein bisschen mehr Wahrheit.
Mach es wie Jesus: Zeig deine Narben voller Stolz!