Manchmal gibt es Sätze, die ein bisschen schmunzeln lassen. Bei einem Trauergespräch sagte eine ältere Dame, dass sie sonntags immer den Fernsehgottesdienst mitfeiert. Alle zwei Wochen sei das ja ein evangelischer Gottesdienst. Und dann sagte sie, ohne das ironisch zu meinen: „Ich finde es so schade, dass die Evangelischen nicht in den Himmel kommen, obwohl sie doch so schön singen.“ „Krass, dass Menschen immer noch so geprägt sind“, dachte ich mir. Über Jahrhunderte haben wir als Kirche ganz klar kommuniziert, wer drinnen und wer draußen ist, wer in den Himmel kommt und wer nicht. Das ist zwar offiziell Vergangenheit, aber immer noch tief in manchen Köpfen verwurzelt.
Gut, dass diese Zeiten vorbei sind. Aber sind wir hetue so viel besser? In unserer Zeit verfallen einige Menschen ins andere Extrem. „Wir kommen alle alle alle in den Himmel“ wird in einem Karnevalsschlager gesungen. Viele suggerieren, ohne es vielleicht direkt zu sagen, dass in Glaubensfragen doch sowieso alles gleich sei. Es soll jeder nach seiner Façon selig werden. Das ist erstmal ein moderner und toleranter Satz, weil er niemanden ausgrenzt. Aber er birgt auch die Gefahr, dass der Glaube belanglos wird. Wenn in Glaubens- und Lebensfragen sowieso alles gleich richtig ist, spielt der Glaube irgendwann keine Rolle mehr. Es ist ja dann schließlich egal, was ich glaube, was ich tue, wie ich religiös lebe.
Es ist gut, dass die Zeiten der Ausgrenzung – die mir die alte Dame mit ihrem evangelischen Fernsehgottesdienst noch mal vor Augen geführt hat – vorbei sind. Aber verfallen manche von uns heute nicht ins andere Extrem, wenn Glaubensfragen als absolut relativ und bedeutungslos dargestellt werden?
Das heutige Evangelium vom verlorenen Sohn spricht von genau dieser Spannung zwischen Ausgrenzung und Belanglosigkeit. Oft wird dieses Gleichnis kindgerecht verpackt in Erstkommunionkursen behandelt. Da sagt man den Kindern dann: Du kannst immer zu deinen Eltern zurückkommen, auch wenn du Mist gebaut hast. Das ist wahr und eine mögliche Deutung. Aber: Jesus erzählte dieses Gleichnis nicht Kindern, sondern hochgebildeten Erwachsenen, den Schriftgelehrten. Denn die Geschichte vom verlorenen Sohn hat eine tiefgründigere Bedeutung. Sie sagt etwas darüber, wer vom Vater, also von Gott, zum Festessen im Himmel eingeladen wird.
Der jüngere Sohn ist auf Abwege geraten und hat viel falsch gemacht, bekommt vom Vater aber nach seiner Rückkehr ein Festessen serviert. Es wird sogar betont, dass der jüngere Sohn im übertragenen Sinn schon „tot“ gewesen sei, jetzt aber wieder lebe. Eine mögliche Deutung wäre also: der jüngere Sohn ist ein Mensch, der erst nach seinem Tod seine Fehler einsieht. Erst kurz vor knapp kehrt er um. Was würde die alte Dame, die immer die Fernsehgottesdienste anschaut, dazu wohl sagen? Ich vermute, sie wäre empört. Mindestens so empört wie der ältere Sohn im Gleichnis. Dessen Bruder war schließlich im Leben falsch abgebogen. „Wie kann der Vater den nur in den Himmel zu einem Willkommensessen einladen? Das ist doch ungerecht!“
Und was würden die vermeintlich modernen Leute von heute sagen, die mehr oder weniger davon ausgehen, dass Glaubensfragen im Leben keine so große Rolle spielen? Die wären sicher auch verärgert und würden sagen: „Wie kann Gott denn verlangen, dass der jüngere Sohn umkehrt? Es war doch schließlich seine freie Entscheidung, in einen anderen Ort zu ziehen. Auf das Erbe hatte er einen rechtmäßigen Anspruch. Warum bekommt er das Festessen nicht auch so von Gott geschenkt, ohne umkehren zu müssen?“
Das Gleichnis geht einen Mittelweg zwischen diesen Extremen: zwischen der Ausgrenzung von denen, die andere Glaubens- und Lebenswege wählen, und der Bedeutungslosigkeit persönlicher Glaubensentscheidungen.
Einerseits sind Glaubens- und Lebensentscheidungen für Jesus nicht egal. Im Gleichnis wird betont, dass der jüngere Sohn umkehrt von seinen falschen Wegen. Und es wird betont, dass der ältere Sohn, der schon immer beim Vater gewohnt hat – also gedeutet: derjenige Mensch, der schon immer an Gott geglaubt und mit Gott gelebt hat – auch schon immer einen Vorteil im Leben hatte. Wer sich frühzeitig für den Glauben entscheidet, ist den anderen Menschen schon im Leben auf der Erde einen Schritt voraus. Ein gläubiger Mensch hat eine Kraftquelle und eine Hoffnung, die andere nicht haben - so das Gleichnis. „Alles, was mein ist, ist auch dein“ sagt der Vater zum älteren Sohn. Das Gleichnis motiviert also dazu: Entscheide dich schon jetzt für ein gläubiges Leben! Leben schon jetzt auf dem Hof deines Vaters, denn er hält dort alles für dich bereit! Und vielleicht sogar: Lebe diesen Glauben so überzeugt, dass sich andere – die jüngeren Söhne – davon begeistern lassen und merken: „Oh schau mal, der ältere Sohn, der gläubige Mensch, der ist glücklich mit seinem Glauben. Vielleicht sollte ich dieses Leben beim Vater auch mal ausprobieren.“ Also kurz: das Gleichnis sagt nicht, jeder Glaube und jedes Leben sei gleich gut. Es motiviert dazu, sich möglichst bald für ein Leben bei Gott, sozusagen auf seinem Hof, zu entscheiden.
Andererseits sagt das Gleichnis aber auch: verurteile niemanden, der einen anderen Weg einschlägt und der sich von deinem begeisterten Glauben nicht anstecken lässt. Es ist seine und ihre freie Entscheidung, anders zu glauben und zu leben. Der Vater, also Gott, verstößt diese jüngeren Söhne (und Töchter) deswegen nicht. Er wartet geduldig darauf, dass sie irgendwann zu ihm zurückkommen. Und sei es erst nach dem eigenen Tod. Und außerdem: Kein Mensch kann beurteilen, wer überhaupt als "verlorener Sohn" zu gelten hat. Vielleicht sind ja manche, die wir gerne veruteilen, auf viel gottgefälligeren Wegen unterwegs als wir? Das kann kein Mensch beurteilen, das weiß nur Gott.
1. Wer immer schon gläubig war und ist, bekommt in diesem Gleichnis nicht erst im Himmel einen Fensterplatz, sondern bekommt schon im Hier und Jetzt ein hoffnungsvolleres und glaubensgestärktes Leben. (Und darf dieses so überzeugt leben, dass andere davon begeistert werden.)
2. Wer erst spät, vielleicht sogar erst nach dem Tod, zu Gott findet, wird mit einem großen Willkommensfest im Himmel begrüßt.
Das Gleichnis vom verlorenen Sohn ist nicht nur eine Kindergeschichte, sondern fordert auch Erwachsene heraus: Nicht über andere Glaubenswege urteilen, die eigenen Überzeugungen aber doch begeistert leben.