„Wie schön wäre es, wenn alle auf mich hören würden!“. Haben Sie diesen Gedanken auch schon mal gehabt? Wenn doch bloß alle auf mich hören würden, wäre die Welt eine bessere, denn ich habe Lösunegn, die nur umgesetzt werden müssten. An den Stammtischen teilen viele diese Überzeugung.
Früher, vor Jahrhunderten, gab es Menschen, auf die alle hören mussten. Sie nannten sich Fürsten oder Könige. Diese hatten qua Geburt mehr Einfluss als alle andere Menschen. Wenn sie etwas gesagt haben, war es automatisch wichtig und wurde gehört. Später hat man den Adel entmachtet. Es haben sich moderne Demokratien entwickelt. Nun sollte nicht mehr alle auf eine Person hören, sondern alle Menschen gehört werden. Die Gewaltenteilung wurde zur Normalität. Wenn doch bloß alle auf mich hören würden: in der Theorie sollten schon längst alle auf mich, auf dich, auf uns alle hören.
In den vergangenen Wochen wurde wieder deutlich, dass diese Theorie nur schwer in die Praxis umzusetzen ist. Bevor irgendjemand auf uns kleine Leute hört, erfahren doch eher Multi-Milliardäre wie Elon Musk große Aufmerksamkeit. Musk hat seinen Reichtum durch Elektroautos, Raumfahrtprogramme und Social-Media-Plattformen aufgebaut, und glaubt nun, dass seine Meinung wichtiger sei als die Meinung aller anderen Menschen. Das sind die neuen Fürsten und Könige unserer Zeit. Multi-Milliardäre haben teils mehr Einfluss auf die Welt als gewählte Regierungen.Viele Leute hören auf sie, weil sie reich sind.
Die heutige Lesung ist fast 2000 Jahre alt, und wirkt doch moderner als das Weltbild vieler Multi-Milliardäre. Paulus beschreibt, dass jeder Mensch verschiedene Gaben hat. Diese Gaben seien unterschiedlich, aber gleichwertig: „Es gibt verschiedene Gnadengaben, aber nur den einen Geist. Es gibt verschiedene Dienste, aber nur den einen Herrn.“ Kurz: Jeder Mensch hat eine Aufgabe, und jede Aufgabe ist wichtig.
Auch das Evangelium, das danach vorgelesen wurde, lässt sich so deuten. Die Hochzeit zu Kana. Es ist keine Hochzeit von einem wichtigen Staatsmann oder von einem Milliardär. Es ist eine ganz normale Hochzeitsfeier. Als der Wein ausgeht, sorgt Jesus dafür, dass Nachschub kommt, und zwar wiederum nicht durch hochgestellte Leute, sondern durch ganz einfache Menschen. Seine Mutter Maria weist er zurück und lässt stattdessen die Diener das Wunder miterleben. Nicht die (zumindest später als solche verehrte) Gottesmutter, sondern die Bedienung der Hochzeitsfeier kommt in den Genuss des erstes Wunders Jesu. Selbst derjenige, der für die Feier verantwortlich ist und zu dem die Diener dann hingehen, hat keine Ahnung, wo der neue Wein herkommt. Selbst der Bräutigam, der als letztes erwähnt wird, wird nur vor vollendete Tatsachen gestellt. Den vollen Einblick gewährt Jesus nur der untersten Gesellschaftsschicht, den Dienern.
Die verschiedenen Gnadengaben und die Hochzeit zu Kana: in den heutigen biblischen Texten kommt ein moderneres Menschen- und Gesellschaftsbild zum Ausdruck als manch Multi-Milliardär vertritt. Drei Gedanken, die wir daraus in den Sonntag mitnehmen können:
1. Wir sollten die aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen kritisch betrachten. Die neuen Fürsten und Könige unserer Zeit sind auch nur Menschen und sollten nicht überbewertet werden. Sie haben ihre Gaben, aber sind weder klüger noch weitsichtiger als alle anderen. Auch die Großen unserer Zeit kochen nur mit Wasser. Paulus würde sagen: Sie haben auch nur einige Gaben, aber keine Allwissenheit.
2. Wenn wir die Milliardäre nicht überbewerten, sollten wir im Gegenzug die einfachen Menschen aufwerten. Jeder von uns macht im Alltag unbewusst Unterschiede. Das lässt sich gar nicht verhindern. Zur Ärztin ist man oft freundlicher als zur Reinigungskraft. Zu jemandem im Anzug schaut man her herauf als zu jemandem in zerrissenen Jeans. Bei einem ausländisch aussehenden Menschen ist man vorsichtiger. Auch wenn sich das kaum verhindern lässt: wir können uns diesen unterschiedlichen Umgang mit Menschen bewusst machen und langsam verändern. Denn mit der heutigen Lesung gilt „Es gibt verschiedene Dienste, aber nur den einen Herrn.“
3. Last but not least: der Blick auf uns selbst. Wir müssen keine Milliarden besitzen, um etwas zu bewirken oder gehört zu werden. Die Diener bei der Hochzeit zu Kana hatten eine einfache Aufgabe: Krüge mit Wasser zu füllen. Oft sind es genau diese kleinen, treuen Dienste im Alltag, die den größten Unterschied machen – ein ermutigendes Wort, eine helfende Hand, ein aufmerksames Zuhören. Sagen Sie nicht: Ich kann sowieso nichts ändern. Sondern sagen Sie: Ich habe Talente und Gaben, die den Unterschied machen!
Fällt ihnen eine Person ein, deren Meinung sie bisher vielleicht überbewertet haben?
Kommt ihnen eine Person in den Sinn, die sie bisher geringschätzig behandelt haben?
Fällt es Ihnen manchmal schwer, auf ihre eigenen Talente zu vertrauen?
In der kommenden Woche ist Gelegenheit, um daran etwas zu verändern: Die Großen nicht überbewerten, die
Kleinen nicht unterbewerten und selbstbewusst die eigenen Gaben nutzen.
(Predigt am 2. Sonntag im Jahreskreis C 2025)