Manchmal ist es ganz leicht, seinen Frust loszuwerden. Man muss nur das Handy nehmen, Google öffnen, und einen gepfefferten Kommentar schreiben. Fast egal, worauf man sauer ist. Anonym und vom Sofa aus kann man auf die Politik schimpfen oder den Bürgermeister verspotten. Schülerinnen und Schüler schreiben anonym Bewertungen über ihre Lehrkräfte, die so viele Hausaufgaben stellen. Und Erwachsene geben dem Friseurladen von nebenan nur einen Stern, weil sie sich letztes Mal so über den Preisanstieg geärgert haben. Selbst kostet mich so ein Shit-Storm nichts – kein Geld, keinen persönlichen Einsatz, kein Risiko – aber für die betroffenen Personen kann meine Wutexplosion ein echt schwerer Brocken sein.
In einer Zeitung war letzte Woche zu lesen, wie eine Journalistin zu den am schlechtesten bewerteten Orten Deutschlands gefahren ist. Unter anderem zu einem Friseursalon in Berlin. „Sich selbst mit einer Tapezierschere zu schneiden, hat den denselben Effekt und ist billiger“, war über diesen Friseursalon im Internet zu lesen. Die Journalistin wagt sich hinein. Aber statt Schimmel an den Wänden und dreckigen Scheren findet sie einen Laden voller älterer Damen. Alle hochzufrieden, kommen seit Jahrzehnten hierher. Nur Google-Bewertungen geschrieben, das haben sie noch nie.
Ist es nicht genau so? Die Leute urteilen hart, lästern, was das Zeug hält, und pushen die Gerüchte gegenseitig in die Höhe. Wie viel Wahrheit an solchem Gerede ist, steht aber oft auf einem ganz anderen Blatt.
Die Geschichte von der Journalistin im Friseursalon hat mich an das heutige Evangelium erinnert. Denn auch damals ging es um ein Urteil – öffentlich, vernichtend, scheinbar gerechtfertigt. Eine Frau, auf frischer Tat beim Ehebruch ertappt, wird zu Jesus gebracht. Die religiösen Chefs fordern: „Das Gesetz erlaubt es, sie zu steinigen. Was sagst du?“
Nach dem damaligen Gesetz war das keine ungewöhnliche Forderung. Im Alten Testament heißt es, etwa im Buch Levitikus (Lev 20,10) und auch im Buch Deuteronomium (Dtn 22,22), dass Ehebruch mit dem Tod bestraft werden kann. Die Menge fühlte sich also im Recht – gesetzestreu, moralisch überlegen, im Einklang mit der Tradition. Und sie hatten sich in der Menge versammelt. Wenn viele dabei sind, fühlt man sich sicher.
Ich meine, bei Online-Bewertungen ist man ja auch im Recht, oder nicht? Es ist doch das gute Recht eines Schülers, die Lehrerin zu kritisieren? Es ist doch das gute Recht einer Staatsbürgerin, ihre Meinung über einen Politiker zu sagen? „Das Recht ist auf unserer Seite“ und „Wir sind viele“ – das dachten die Leute damals auch.
Jesus reagiert ungewöhnlich. Er tritt nicht für das geltende Recht ein, sondern sagt: „Wer von euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein.“ Einer nach dem anderen geht. Zurück bleibt nur die Frau. Und Jesus. Und Frieden.
Dass diese Geschichte von der Ehebrecherin hier im Evangelium steht, ist ein Glücksfall. Viele wollten diese Geschichte ganz und gar nicht in der Bibel lesen. In den ältesten Papyri des zweiten und dritten Jahrhunderts kommt die Erzählung von „Jesus und der Ehebrecherin“ nicht vor. Sie wurde sehr lange mündlich weitererzählt, weil gegen eine Verschriftlichung in der Bibel zu viel Widerstand zu hören war. Die Geschichte ist so anstößig, dass viele sie nicht hören wollten, und auch nicht in der Bibel lesen wollten. Ist es ein Zeichen Gottes, dass die Geschichte es in die Bibel geschafft hat?
Heute ist diese Erzählung mindestens genauso anstößig wie damals. Denn stellen wir uns das mal vor: Was wäre, wenn Google-Bewertungen und Hass-Kommentare im Internet nur dann angezeigt würden, wenn sie jemand schreibt, der ohne Sünde ist? Holidaycheck und andere Bewertungsportale könnten einpacken.
Und noch viel schlimmer für uns auf den Dörfern: Was wäre, wenn jedes kritisierende Wort aus unserem Mund nur hörbar wäre, wenn die Person, die es sagt, selbst keinen Dreck am Stecken hat? Es wäre sehr still auf ... Straßen. Glauben Sie mir, alle wären klare Gegner dieser Geschichte von Jesus und der Ehebrecherin.
Natürlich, man kann dieses Evangelium auch so interpretieren, dass es uns heute weniger herausfordert. Zum Beispiel gegen die Todesstrafe – dann könnten wir es leichter akzeptieren, denn die Abschaffung der Todesstrafe haben wir ja zumindest in Deutschland schon seit längerem erledigt. Oder man könnte die Geschichte deuten für mehr Frauenrechte. Wie angenehm: Jesus stellt sich vor eine Frau, die von einer Gruppe Männer bedroht wird. Auch wenn heute sicher noch viel im Bereich Frauenrechte zu tun ist, die meisten würden sich doch zurücklehnen und meinen: Weiter als damals sind wir ja schonmal mit den Frauenrechten.
Aber die Grundbedeutung dieses Evangeliums ist unangenehmer und wird von Jesus selbst formuliert: „Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein!“ Urteilen dürfen wir, uns eine Meinung bilden – sonst wäre keine Kritik mehr erlaubt, kein Gespräch mehr möglich, keine Demokratie denkbar. Verurteilen – ob mit echten, gesprochenen oder digitalen Steinen – das dürfen wir aber nicht. Das verbietet unser Glaube.
Warum merkt man das auf den katholischen Dörfern des Eichsfeldes eigentlich so wenig? Warum wird in katholischen Jugend- und Seniorengruppen genauso viel schlecht geredet wie anderswo? Scheinbar sind diese Steinewerfer alle ohne Schuld.
Urteilen ohne zu verurteilen - bekommen wir das hin?