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Traditionen - tragfähig für die Zukunft?

Bratwurst, Bier und eine Wanderung bei schönstem Wetter: hier fühlen sich viele von uns wohl, oder? 

Aber jetzt stellen Sie sich vor, Sie würden ganz woanders sein. Auf einem orientalisch geknüpftem Teppich. Drumherum sitzen alles alte Damen. Aber im Gegensatz zu den Damen fühlen Sie sich irgendwie unwohl und fragen sich: „Wo bin ich denn hier gelandet?“ Alle haben eine Teetasse vor sich. Sie auch. Alle schließen die Augen und geben ungewohnte Laute von sich: „Auuum!“ Sie fühlen sich wirklich fehl am Platz. Vorn sitzt eine Dame, die den Tee aufgießt und Sie dazu auffordert, auch einige Tropfen des heißen Wassers aufzugießen… doch dann wachen Sie auf. Es war nur ein Traum. Zum Glück. Ein äußerst unangenehmer Traum. „Wo bin ich denn hier gelandet?“

„Wo bin ich denn hier gelandet?“ – das könnte sich auch jemand fragen, der von weit her heute bei uns dabei wäre. Was sage ich: selbst die allermeisten aus unserem Land würden sich fragen: „Bin ich hier richtig?“ Merkwürdige (Blas-)Musik, ganz anders als die im Radio. Die Leute sprechen im Gottesdienst anders. Und ein Mann in einem weißen Gewand – ähnlich wie beim Krippenspiel der Engel. „Wo bin ich denn hier gelandet?“

 

„Wo bin ich denn hier gelandet?“ Vielleicht hat Paulus sich das auch gefragt, als er nach Athen kam. In der Lesung haben wir davon gehört. Er war es gewohnt, unter Jüdinnen und Juden zu sprechen. Da konnte er bestimmte Gebete und Formeln voraussetzen. Wenn er von Gott sprach, dann war es für seine Zuhörer/innen klar: er meint den einen Gott im Himmel.

Hier in Athen war das ganz anders! – Keine schützenden Wände einer Synagoge, keine Glaubensgenossen! Hier wehte ein anderer Wind. Der Areopag unterhalb der Akropolis! Manche waren vielleicht im Urlaub schon mal dort. Eine uralte Gerichtsstätte, von den Göttern begründet, heiliger Boden! Dort fühlte sich Paulus bestimmt, wie wir uns alle bei einer chinesischen Teezeremonie fühlen würden: total fehl am Platz! Wenn er hier anfängt, über Gott zu sprechen, dann denken die Leute nicht an den einen Gott im Himmel, sondern fragen sich: welchen Gott meint er denn? Denn in Griechenland glaubte man an viele Götter. Vielleicht hat sich Paulus auch gedacht: „Wo bin ich denn hier gelandet?“

 

 

„Wo bin ich denn hier gelandet?“ – vielleicht hat sich das in früheren Zeiten auch manch ein Pfarrer aus der Diaspora gefragt, wenn er ins Eichsfeld gekommen ist, und das nicht nur am Tag der Bittprozessionen. Auch sonst: Gottesdienste mit Blaskapelle, Prozessionen mit Fahnen, Beerdigungen als Ereignisse des ganzen Dorfes. Was für eine Welt! Wer das nicht von Kindheit an miterlebt hat, war sicher erstmal überrascht.

Und doch sind die Pfarrer, und alle Gemeindemitglieder, von früher nicht bei dieser Verwunderung stehen geblieben. Unsere Vorfahren haben es geschafft, die Kultur, die sie vorgefunden haben, für den Glauben zu nutzen. Ihnen ist es gelungen, den Glauben an die Lebensweise anzuschließen, die sie vorfanden. Die heutigen Bittprozessionen sind ein Beispiel für diese super Leistung der früheren Gemeinden. Die Leute gingen sowieso im Frühjahr übers Feld, um ihre Aussaaten zu kontrollieren. Also verband man diese Feldspaziergänge mit dem Glauben. Oder die Männerwallfahrt am morgigen Tag: die Männer sind sowieso am Vatertag gewandert: also verbindet man die Wanderung mit einem religiösen Ziel. Bier und Bratwurst als Lockmittel für die Wallfahrtsmesse im Klüschen. Oder die Erstkommunion: die Leute wollten ein Fest mit Kleidern, Fahnen und Kerzen, an denen sie ihre Kinder bewundern konnten: also hat man kurzerhand die Feier der Erstkommunion derart ausgeschmückt, dass sie den Bedürfnissen der Leute entsprach.

Ja, unsere Vorfahren haben es geschafft, den christlichen Glauben mit der vorherrschenden Kultur hier im Eichsfeld zu verbinden. Danke an euch! Danke, liebe Vorfahren! Denn: Wir zehren noch heute von dieser Inkulturation, die ihr damals geschafft habt. Was wären unsere Gemeinden ohne die Erstkommuniontraditionen, die Männerwallfahrt, ohne all die Traditionen?

 

Paulus hat damals dasselbe geschafft. Davon haben wir in der Lesung gehört. Beim Gespräch mit den Juden hat er immer alles durch „die Schriften“, also die jüdischen Schriften, begründet. Aber in Athen knüpft Paulus an dem an, was die griechische Kultur bestimmt. Paulus beginnt mit dem Altar, den die Heiden dem unbekannten Gott geweiht haben. Er sagt nicht: „Ihr seid die Ungläubigen, und ich bringe euch den Glauben.“ Er sieht die Welt der Griechen nicht als Gegenüber zum Glauben. Er denkt nicht schwarz-weiß, guter Glaube und böse Welt. Nein! Er knüpft an das an, was schon da ist. So wie es unsere Vorfahren hier im Eichsfeld geschafft haben, schafft es auch Paulus: Er geht auf die Kultur seiner Zuhörer ein.

 

Das Christentum wurde deshalb zu einer Erfolgsgeschichte, weil Menschen es geschafft haben, an die Denkweisen und Lebenskulturen der Menschen anzuknüpfen. Die Inkulturation ging bei Paulus los, und endete vor wenigen Generationen bei unseren Eichsfelder Vorfahren. Ja, ich hab den Eindruck, die Inkulturation bei uns endetevor wenigen Generationen. Wir zehren noch immer von den Erfolgen der alten Pfarrer, die den Glauben mit der Eichsfelder Lebensweise verbunden haben: bei Bittprozessionen, Männerwallfahrten und Erstkommunionfeiern. Aber wir haben noch keine großen neuen Strategien für die sich verändernde Kultur. Das von unseren Vorfahren Etablierte funktioniert noch ein wenig, aber längst nicht mehr flächendeckend. Denn: Die Kultur verändert sich immer weiter. Auch hier im Eichsfeld. Die Bratwurst als Kulturelement ist längst nicht mehr unhinterfragt: schauen Sie mal, wie viele Vegetarier es unter jungen Leuten gibt. Die Bittprozession wirkt längst künstlich: schauen Sie mal, wie viele Eichsfelder wirklich noch Felder und Landwirtschaft besitzen. Die Erstkommunion bindet längst nicht mehr die ganze dritte Klasse.

Zwei Gedanken möchte ich Ihnen deshalb heute mitgeben:

1.     Verteufeln wir nicht unsere Traditionen! So etwas wie den heutigen Tag haben unsere Vorfahren etabliert, und wir zehren noch heute davon. Wir dürfen die Festlichkeit von Bittprozessionen, Männerwallfahrten und Erstkommunionfeiern genießen. Und wir dürfen nicht die Fahnen und Blaskapellen verbieten, weil sie angeblich nichts mit Jesus zu tun hätten. Es ist gut, dass es diese Traditionen gibt, die den Glauben mit der vorherrschenden Kultur verbinden. Die Kultur der Vergangenheit, die Tradition hält den Glauben bis heute lebendig!

2.    Begnügen wir uns nicht mit dieser dankenswerten Leistung unserer Vorfahren. Sondern: Halten wir Ausschau danach, wie wir den Glauben mit der heutigen veränderten Kultur verbinden können. Bratwurst und Bier sind nicht der Weisheit letzter Schluss. Es braucht neue Anknüpfungspunkte: in der Arbeitswelt, in der digitalen Welt, in der Welt von Patchwork-Familien … wo auch immer. Eine veränderte Kultur braucht auch neue Verbindungen zum Glauben.

Oft höre ich heute, dass es noch nur auf das Innere ankomme, auf das vermeintlich Wesentliche. Dann heißt es: „Was in deinem Herzen passiert, ist das Wichtige.“ Ich behaupte: Das stimmt, aber es ist nicht alles. Das, was im Herzen passiert, braucht auch einen Ausdruck in der Kultur. Der individuelle Glaube ist nicht alles. Es braucht auch Fahnen, Blaskapelle und Bratwurst  - aber in neuer Form, die besser zur heutigen Kultur passt.

Paulus ist es gelungen. Und unsere Vorfahren haben es geschafft: den Glauben mit der Kultur der Leute verbinden. Haben Sie eine Idee, wie es auch uns gelingen könnte? 

 

(Predigt beim Bittamt 2023 unterm Festzelt in Beinrode)