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Darstellung des Herrn - Die Chancen des Abbruchs



Simeon erinnert mich an so manchen Eichsfelder. Sein Leben lang hat er alle religiösen Traditionen mitgetragen. Keine Wallfahrt hat er versäumt, bei keinem Hochfest hat er gefehlt. Der jüdische Kult gehörte zu seinem Leben wie der Katholizismus zu einem Eichsfelder Dorf.

Im heutigen Evangelium ist Simeon bereits sehr alt. Die meisten religiösen Höhepunkte liegen hinter ihm. Da bringen Maria und Josef, wie üblich für einen Erstgeborenen, ihr Jesuskind in den Tempel. Plötzlich war es vorbei mit dem gewohnten, traditionellen Ablauf des Simeon. „Nun lässt du, Herr, deinen Knecht, wie du gesagt hast, in Frieden scheiden. Denn meine Augen haben das Heil gesehen“, sagt der alte Tempeldiener. Ist das sein Ernst? Er sieht das Heil erst jetzt? Obwohl er doch vorher so oft im Tempel war, so viel gewallfahrtet ist, so viele Traditionen am Leben gehalten hat? Der Evangelist Lukas will vermitteln: Ab jetzt entscheidet nicht mehr das jüdische Gesetz, nicht mehr der Tempel, nicht mehr die Tradition, sondern die Beziehung zu Jesus über Wohl und Wehe. Simeon macht eine tiefe religiöse Erfahrung ohne jeden Ritus, ohne Liturgie, ohne Kult. Wenige Jahrzehnte später wurde der Tempel sogar abgerissen. Das Gewohnte wurde radikal umgekehrt.

 

In den vergangenen Wochen machte die Nachricht die Runde, dass in Erfurt einige Kirchen umgenutzt werden sollen. Auch im Eichsfeld brechen viele Traditionen weg. Das Gewohnte wird radikal umgekehrt: mancher Tempel wird umgenutzt, mancher Kult hat ausgedient. Vielen macht das Angst. Mit Blick auf Simeon könnte das Ende des Gewohnten aber auch positiv erscheinen. Musste das traditionserfüllte Leben von Simeon sich erst dem Ende nähern, bis er das Licht Gottes sehen konnte? Musste der Tempel der Gewohnheiten erst abgerissen werden, bis das Licht Christi ihn innerlich erreichte?

Seien wir ehrlich: Die meisten von uns haben jahrhundertelange Traditionen schon längst abgelegt. Selbst die, die sonntags in die Kirche gehen, leben religiös kaum noch wie vor 100 Jahren.  Aber den nächsten Schritt, den haben die meisten von uns noch nicht geschafft. Wenn die Tradition bröckelt, besteht die Chance, eine persönliche Beziehung zu Jesus, zu Gott aufzubauen. Schauen wir nicht nur wehmütig auf umgenutzte Kirchen und abbrechende Traditionen. Nehmen wir diese Entwicklungen lieber als Chance, persönlich mit Gott in Kontakt zu treten. Damit wir eines Tages wie Simeon sagen können: „Meine Augen haben das Heil gesehen.“