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Der Geistesblitz - und dann?

 

Vielleicht kennen Sie das: Manchmal liegt man nachts wach im Bett und grübelt über irgendwas nach. Wie soll ich dies und jenes nur der Familie beibringen? Wie kann ich mich bloß wieder mit diesem und jenem vertragen? Man grübelt und grübelt. Aber schon seit Wochen findet sich keine zufriedenstellende Antwort. Eine verfahrene Kiste.

Doch plötzlich kommt da so einen Geistesblitz. „Ja, ich könnte doch probieren, dies und jenes zu tun.“ Kennen Sie diesen Moment? Dann fühlt es sich alles logisch und ganz einfach an. Ich schreib mir dann immer schnell auf, was mir da eingefallen ist, denn sonst hab ich es am nächsten Morgen wieder vergessen. Wenn ich dann aber am nächsten Morgen diesen Notizzettel zur Hand nehme, denk ich mir manchmal: "Irgendwie klang das in der Nacht logischer. So einleuchtend, wie während des Geistesblitzes gedacht, ist es doch gar nicht."

 


Im heutigen Evangelium hören wir von den drei Jüngern, die eine solche geistesblitzartige Erfahrung machen. Sie haben geschlafen und werden aufgeweckt von einem hellen Licht. Sie sehen Jesus leuchtend weiß. Eine unbeschreibliche, heilige Erfahrung. Hätten sie einen Notizzettel gehabt, wie ich in der schlaflosen Nacht, hätten sie sich bestimmt schnell etwas notiert. Oder noch besser: hätten sie eine Kamera gehabt, hätten sie schnell ein Foto gemacht – als Beweis für den nächsten Morgen.

Aber Kameras gab es damals nicht. Also überlegen sie: Wie können wir das festhalten? Wie können wir sicherstellen, dass wir uns das nicht nur eingebildet haben? „Lasst uns drei Hütten bauen“, sagt Petrus, „eine für dich, Jesus, und für Mose und Elia auch je eine.“ Die Jünger wollen diesen Moment einfangen, sie wollten ihn greifbar machen. Sie wollen den Geistesblitz, die göttliche Erfahrung in eine Hütte stecken, damit er nicht wieder weggeht und damit sie am nächsten Morgen allen zeigen können, was sie auf diesem Berg erlebt haben. Es soll ja keiner sagen dürfen: "Das habt ihr euch nur eingebildet!"

Doch – wer hätte das gedacht – Gott lässt sich nicht in eine Hütte einsperren. Schon kurz nach dem Petrus die Idee mit den Hütten geäußert hatte, ist alles vorbei. Nichts mehr, was man notieren könnte. Nichts mehr, was fotografisch festgehalten werden könnte. Kein Geistesblitz mehr, keine strahlende Herrlichkeit mehr: kein leuchtender Jesus, kein Mose, kein Elia. Nur Jesus, ganz normal, wie vorher. Was vorher so einleuchtend erschien, wirkt plötzlich – wie bei einem in der Nacht geschriebenen Notizzettel – total skurril. War es nur eine Einbildung?

 


Egal, wie sie diese Erzählung deuten: wortwörtlich und historisch – es war genau so, wie es da steht – oder als komponiertes Lehrstück des Evangelisten Lukas, der eine übertragene Botschaft vermitteln will. Die Aussage bleibt dieselbe: Es gibt diese geistesblitzartigen Erfahrungen mit Gott, aber man kann sie nicht festhalten: weder auf einem Notizzettel, noch auf einem Foto, noch in einer Hütte. Es gibt diese besonderen Momente, diese Geistesblitze: Eine berührende Erfahrung im Gebet. Ein Gottesdienst, der einfach schön ist. Ein stiller Augenblick, in dem wir spüren: Gott ist da. Aber dann geht das Leben weiter. Die Emotion vergeht. Der Alltag kehrt zurück. Man hat zwar vielleicht etwas notiert von diesem Geistesblitz, ein Foto gemacht von dem tollen Gottesdienst oder eine Hütte gebaut, in der Gott wohnen soll, aber irgendwie fühlt es sich nicht mehr an wie damals, als die Sache mit dem Glauben an Gott viel strahlender war. 

Vielleicht ist es ähnlich wie bei einer Ehe. Manche von Ihnen haben bestimmt eine Eheurkunde. Aber dieses Schriftstück bringt einem im Grunde gar nichts. Natürlich kann man sich schriftlich geben lassen, dass der andere einen liebt. Aber wenn man das nicht immer wieder im Alltag merkt, ist dieses Schriftstück überhaupt nichts wert. Eine Ehe funktioniert nicht automatisch, nur weil sie einmal bestanden hat und schriftlich fixiert wurde. Sie muss gepflegt und gelebt werden.

Genauso ist auch eine Taufurkunde keine Garantie dafür, dass der Kontakt zu Gott weiterbesteht. Noch nicht mal eine heilige Hütte in der Mitte des Dorfes, die vermeintlich die Rechtgläubigkeit des Dorfes sicherstellen sollte, bewahrt diesen Draht nach oben. Auch keine Bibel im Wandschrank zu Hause oder ein Kreuz an der Wand. Alle Versuche, den Glauben für alle Zeiten zu fixieren, werden fehlschlagen. Es ist wie bei der Ehe und der Eheurkunde: der Glaube lebt nur weiter, wenn man ihn täglich in die Tat umsetzt.

 

 

Den Draht nach oben bewahren wir uns nicht durch eine Hütte inmitten des Dorfes oder ein Buch im Schrank, sondern nur, indem wir ihn regelmäßig leben. Die Fastenzeit könnte Ihr Anlass sein, das mal wieder in Angriff zu nehmen. Beten wir doch auch zu Hause mal wieder. Gehen wir doch auch mal wieder in einen Gottesdienst. Denn Gott lässt sich nicht in einer Hütte konservieren. Aber er lässt mit sich reden.