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Die Kirche des Gründonnerstags

 

Es ist wie ein Albtraum. Mitten in der Nacht. Gerade noch auf einer schönen Feier gewesen. Nach Hause gekommen, sofort eingeschlafen. Und plötzlich passiert ein Notfall. Egal, was es ist. Schnell wird klar: ich brauche Hilfe. Der Griff geht zum Handy, die Finger zittern. Es klingelt. Und klingelt. Aber niemand nimmt ab. Vielleicht haben sie es nicht gehört? Man versucht es noch einmal. Doch wieder nur das monotone Tuten. Jetzt hilft es alles nichts mehr. Ich probiere die 112. Der letzte Ausweg. Aber auch hier – Stille. Kein Signal, keine Stimme, nichts. Hab ich etwa keinen Empfang? Der Akku ist noch voll, das Netz zeigt vollen Empfang. Und doch ist da nur Schweigen. Ganz zum Schluss geht der Blick auf das Kreuz an der Wand. „Gott?“. Aber auch vom Kreuz kommt keine Antwort. 

 

 

 

Dieser Albtraum war für Jesus nicht nur eine Vorstellung oder eine Fantasie. Es war seine Realität in jener Nacht, der wir heute gedenken. Alles beginnt so schön. [Einladungskarte] Jesus hatte zu einem schönen Festessen eingeladen. Brot, Wein und Gemeinschaft. Man kann sich gut unterhalten, ist vertraut miteinander. Einfach ein schöner Abend.

 

[Jeweils eine Ecke umknicken]

Dann wendet Jesus sich an seine Freunde: „Bleibt hier und wacht mit mir!“ Doch was passiert? Die Jünger schlafen. Jesus weckt sie – aber sie schlafen weiter. Niemand nimmt ab. „Könnt ihr nicht eine Stunde mit mir wachen?“ Es muss wie ein schmerzhafter Stich gewesen sein. Er ist nicht nur auf sich allein gestellt, sondern auch von denjenigen verlassen, die ihm am nächsten sind.

Er betet zu Gott: „Vater, wenn es möglich ist, lass diesen Kelch an mir vorübergehen.“ Doch der Himmel bleibt still. Keine Antwort. Kein Zeichen von oben.

Und dann: Judas kommt, um ihn zu verraten. „Freund, mit einem Kuss verrätst du den Menschensohn?“ Ein weiterer Stich. Doch es ist nicht nur Judas, der ihn verlässt. Die anderen Jünger? Fliehen in der Dunkelheit. Die, die versprochen hatten, bei ihm zu bleiben, sind nicht mehr da, als es ernst wird.

Petrus, der noch eben schwor, er würde sein Leben für Jesus geben, verleugnet ihn. Dreimal. Ein Albtraum.

Die Einladung zum Bleiben, zum Wachen, zum Mittragen – sie bleibt unbeantwortet.

[Karte zerknüllt.]

 


Am Gründonnerstag wurde ein Fundament für unsere Kirche gelegt. Die Eucharistie, das letzte Abendmahl, wurde zur Quelle katholischen Lebens. Bis heute hat sich dieses Abendmahl durchgetragen. Es wird überall auf der Welt in verschiedensten Kirchen gefeiert. Und so sagt das, was Jesus heute Abend feiert und erleidet auch etwas über unsere Kirche aus. 

Vor wenigen Jahrzehnten noch lebten wir in der Kirche des Gründonnerstags. Die Gotteshäuser waren voll, das Gemeindeleben blühte, der Glaube schien selbstverständlich. Es war wie das Mahl, das Jesus mit seinen Jüngern feierte. Alle saßen brav am Tisch. Doch schon damals konnte man bei vielen hören: Wir sind da, weil wir es schon immer so machen. Es war ein heiliger Trott. Doch worauf vertraute der Einzelne eigentlich im Herzen? Viele saßen am Tisch, aber nicht jeder war innerlich dabei. Auch damals gab es Zweifel – wie bei Judas, wie bei Petrus. Doch vieles blieb unausgesprochen, verborgen hinter Tradition und Routine.

 

Heute gehen wir als Kirche in Richtung des späten Gründonnerstagabends, schon fast des Karfreitages. Die Selbstverständlichkeit des Glaubens ist weg. Die Reihen lichten sich. Wir spüren - wie Jesus - den Verlust, die Einsamkeit, manche sogar das Schweigen Gottes. Gott lädt ein, aber nur wenige kommen.  Die Kirche des Karfreitags. Ist sie nicht ehrlicher?

 


„Was für ein Albtraum“, sagen manche, wenn sie auf den heutigen Zustand der Kirche schauen, deren Fundament Jesus am Gründonnerstag mit dem Letzten Abendmahl gelegt hat. „Was für ein Albtraum“. 

Jesus sagte damals hingegen: „Mein Vater, wenn dieser Kelch nicht an mir vorübergehen kann, ohne dass ich ihn trinke, so geschehe dein Wille“. Er weiß, dass die Verlassenheit des Gründonnerstags und das Schweigen des Karfreitags notwendig waren. Wir müssen vorsichtig sein, jedes Leid eines Menschen wegzuerklären, indem wir sagen: "Das musste aber so kommen!" Nein, wir wissen nicht, warum so viel Schweres auf der Welt passiert. Aber bei der Lebensgeschichte Jesu sehen wir heute Abend: es konnte nur durch den Verlust Ostern werden. Ich bin überzeugt: Bei der Kirche ist es in vielem auch so: manches muss kleiner werden, damit Ostern werden kann.

 

Gründonnerstag ist kein Albtraum. Gründonnerstag ist eine Verheißung.

Denn erst durch den Verlust kommt das neue Leben.

Bei Jesus. Bei der Kirche.